Aufsatz 
Fürst Bismarck : Rede, gehalten am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers, 27. Januar 1897 / von Otto Ankel
Entstehung
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. XvII gass er nicht das grosse Ziel, wenn auch die Zeit zu seiner Erfüllung langsam reifen musste. Im Jahre 58 schien Bismarck, dem es längst klar geworden war, dass auf dem Wege schiedlich-fried- licher Bundesgesetzgebung Preussen niemals die ihm gebührende Stellung eines mindestens Gleichberechtigten neben österreich einnehmen werde, der Augenblick gekommen, Preussen von der Bevormundung österreichs und dem lähmenden Einfluss der Kleinstaaten zu befreien und die Frage der preussischen Vorherrschaft in Deutschland, die schon von Friedrich dem Grossen im Fürstenbund ideell erörtert, deren Lösung dann vom Zollverein wirtschaftlich angebahnt war, auf die Tagesordnung zu setzen. Osterreich verlangte nämlich damals, dass Preussen in dem drohen- den italienischen Kriege ihm die lombardischen Kastanien aus dem Feuer holen helfe; Bismarck aber war der Meinung, dass Preussen sich nicht ohne Gegenleistung für Osterreich schlagen dürfe, weil im Falle des Sieges nur sterreichs Stellung in Deutschland auf Kosten Preussens befestigt werde. Während die öffentliche Meinung in Deutschland, besonders südlich vom Main, sich für sterreich gegen Sardinien und Frankreich erwärmte, ging Bismarck mit dem Grafen Barral, dem sardinischen Gesandten am Bunde, Arm in Arm, kalt lächelnd auf der Zeil spazieren. Doch ahnte er im Dezember bereits, dass seine Tage in Frankfurt gezählt seien, und wirklich rief ihn im Januar des folgenden Jahres Prinz Wilhelm, der seit Oktober 57 seinen erkrankten königlichen Bruder als Regent vertrat, fürchtend, der feurige Junker könne in Frankfurt des Guten zu viel thun, ab, um ihn zugleich zum Gesandten in Petersburg zu ernennen kalt zu stellen, wie Bismarck in einem Brief an seine Schwester gesagt hat.

In Petersburg fand Bismarck am Kaiserhof sowohl, wie in der Gesellschaft eine glänzende Aufnahme. Kaiser Alexander II. hatte nicht vergessen, dass Bismarck 1854 Friedrich Wilhelm aufs ent- schiedenste abgeraten hatte, sich in österreichischem Interesse am Bunde der Westmächte, Frankreichs und Englands, gegen Russland zu beteiligen und in einen Krieg zu stürzen, der, wie Bismarck 78 im Reichstag sagte, von dem Augenblicke an, wo wir den ersten Schuss thaten, der unsrige ge- worden wäre. Es gelang dem Zauber seiner Persönlichkeit, die auf geschichtlicher, durch wohl- verstandenes Interesse beiderseits gepflegter Uberlieferung und auf verwandtschaftlichen Beziehungen der Herrscherhäuser beruhende Freundschaft zwischen Preussen und Russland zu pflegen und zu stärken. Das Wohlwollen, das uns 1864, 66 und 70 Alexander II. bewiesen hat, ist nicht in letzter Linie auf die damalige Thätigkeit Bismarcks zurückzuführen. Auch an der Newa verlor Bismarck keinen Augenblick die preussische und deutsche Sache aus den Augen. Am 12. Mai 59 schrieb er an den preussischen Minister des Auswärtigen von Schleinitz:Aus den acht Jahren meiner Frank- furter Amtsführung habe ich als Ergebnis meiner Erfahrungen die Überzeugung mitgenommen, dass die dermaligen Bundeseinrichtungen für Preussen eine drückende, in kritischen Zeiten eine lebens- gefährliche Fessel bilden, ohne uns dafür dieselben Xquivalente zu gewähren, welche sterreich bei einem ungleich grösseren Masse eigener freier Bewegung aus ihnen zieht. Beide Grossmächte werden von den Fürsten und Regierungen der kleineren Staaten nicht mit gleichem Masse ge- messen. Die Auslegung des Zweckes und der Gesetze des Bundes modifiziert sich nach den Be- dürfnissen der österreichischen Politik..... Ich gehe vielleicht zu weit, wenn ich die Ansicht äussere, dass wir jeden rechtmässigen Anlass, welchen unsere Bundesgenossen uns bieten, ergreifen sollten, um zu derjenigen Revision unserer gegenseitigen Beziehungen zu gelangen, deren Preussen bedarf, um in geregelten Beziehungen zu den kleineren deutschen Staaten dauernd leben zu können.

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