XII
die Spitze der Regierung und liess die Garden unter Wrangel wieder in die Haupitstadt rücken. Dass Bismarck durch sein unerschrockenes Eintreten für die Rechte der Krone nicht in der Gunst des Volkes stieg, lässt sich denken; aber er war von da an der Mann des königlichen Dankes und Vertrauens. Am 5. Dezember endlich wurde die Nationalversammlung, die zuletzt in Branden- burg ein kümmerliches Dasein führte, aufgelösst und eine Verfassung gegeben, die auf breiter demokratischer Grundlage beruhend, mit dem altpreussischen Ständewesen völlig brach
Diese Verfassung sollte einer neu zu wählenden Volksvertretung zur Prüfung vorgelegt. werden. Bismarck wurde im Wahlkreis West-Havelland-Zauche mit knapper Mehrheit in die Zweite Kammer gewählt und übernahm die Führung der Konservativen. Ende Februar 49 begann die Tagung. Unentwegt trat Bismarck für die Rechte der Krone ein; scharf wandte er sich gegen die Verherrlichung des 18. März durch Lieder aufreizenden Charakters, gegen die Aufhebung des Be- lagerungszustandes in Berlin und besonders gegen die Bewilligung einer Amnestie für die Verur- teilten der Märztage, die in seinen Augen Rebellen waren, weil dadurch im Volke die Meinung verbreitet werde,„als ob das ganze Staatsrecht auf der Barrikade beruhe, als ob ein jeder, dem ein Gesetz missfällt, oder der es für ungerecht hält, das Recht habe, dies Gesetz als nicht vor- handen zu betrachten,— als ob ein jeder, dem es gelingt, eine hinreichende Anzahl von Individuen, bewaffnet oder unbewaffnet, zu sammeln, hinreichend eine schwache Regierung einzuschüchtern und ihr zu imponieren, oder, wenn sie sich nicht einschüchtern lässt, sie durch Barrikaden über den Haufen zu werfen, vollkommen im Recht wäre.“ Die politischen Grundsätze, von denen die beiden grossen Parteien, die konservativ-monarchische und die liberal-demokratische, ausgingen, schienen ihm völlig unversöhnlich.„Der Prinzipienstreit, so sprach er, welcher in diesem Jahre Europa in seinen Grundfesten erschüttert hat, ist ein solcher, der sich nicht vermitteln lässt. Die Prinzipien beruhen auf entgegengesetzten Grundlagen, die von Hause aus einander ausschliessen. Das eine zieht seine Rechtsquelle angeblich aus dem Volkswillen, in Wahrheit aber aus dem Faust- recht der Barrikaden. Das andere gründet sich auf eine von Gott eingesetzte Obrigkeit, auf eine Obrigkeit von Gottes Gnaden, und sucht seine Entwicklung in der organischen Anknüpfung an den verfassungsmässig bestehenden Rechtszustand. Dem einen dieser Prinzipe sind Aufrührer jeder Art heldenmütige Vorkämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht, dem andern sind sie Rebellen. Über diese Prinzipien wird nicht durch die parlamentarische Debatte, nicht durch Majoritäten von elf Stimmen eine Entscheidung erfolgen können; über kurz oder lang muss der Gott, der die Schlachten lenkt, die eisernen Würfel der Entscheidung darüber werfen“. Bismarcks Ziel in diesem Landtag und in der Folgezeit war: die Erhaltung der alten Monarchie und des alten festgegründeten Preussentums gegenüber der radikalen, nach Parlamentsherrschaft strebenden Demokratie und den verschiedenen Reichsprojekten der Nationalen.
Inzwischen hatte sich in Frankfurt a. M., dem langjährigen Sitz des Bundestages traurigen Gedenkens, ein Ereignis vollzogen, das bald seine Wellen bis zu den Stufen des preussischen Thrones warf. Seit dem 18. Mai 1848 tagte dort in der Paulskirche die Deutsche Nationalversamm- lung, eine grosse Vereinigung von Ideologen und Schwärmern, die dem deutschen Volke durch Reden, Lieder und Toaste Einheit und Freiheit bringen wollten. Aber die alte Wahrheit, dass die Götter vor den Preis den Schweiss gestellt, sollte sich auch diesmal offenbaren. Nach langem Gerede über Grundrechte und Reichsverfassung, Grossdeutsch und Preussischdeutsch kam man


