Aufsatz 
Fürst Bismarck : Rede, gehalten am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers, 27. Januar 1897 / von Otto Ankel
Entstehung
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XI

linge alle anderen Gefühle übertäubt werden zu lassen. Darob natürlich Entrüstung bei allen prinzipienfesten Männern. Bald war Herr von Bismarck als feudaler, mittelalterlicher Reaktionär verschrieen bei allen, denen das Zauberwörtchen liberal in seinen mannigfachen Anwendungen die Losung einer neuen Zeit bedeutete. Doch erregten seine Reden Aufsehen: ein vornehmer Ton zeichnete sie aus; kraftvoll und ursprünglich waren die Gedanken, die Logik untadelhaft. Aber das Läuten der Maiglöckehen des Völkerfrühlings schlug nicht an sein Ohr. Alle revolutionären Gedanken waren ihm in der Seele verhasst. Noch schlummerten die gewaltigen Ideen, die er später verwirklicht hat, ungeweckt oder durch die Zucht des preussisch-monarchischen Staatsgedankens gebändigt, in seiner Brust, und wer ihm damals gesagt hätte, er werde dem deutschen Volk einmal zum allgemeinen Stimmrecht verhelfen, an dessen Zurechnungsfähigkeit hätte er billig gezweifelt.

Genau das Gegenteil von dem, was durch diesen ersten Vereinigten Landtag von der preussischen Regierung bezweckt wurde, Beruhigung des Volkes nämlich, genau das Gegenteil trat ein. Immer lauter erscholl der Ruf nach Freiheit, nach Verfassung. Von Paris flog endlich Ende Fe- bruar 48. die Brandfackel hinüber in die deutschen Lande, wo des Zündstoffs genug gehäuft war. Uberall fammten die Feuer der Revolution. In Wien brach am 13. März das System des Fürsten Metternich, dieses unheilvollen Mannes, der eigentlichen Seele der Volksbedrückung all die langen Jahre her, elend zusammen, und am 19. März hat in Berlin die Krone vor der Barrikade kapi- tuliert. Auch Bismarck eilte nach Berlin, um in dem zwecks Beratung eines Wahlgesetzes für eine konstituierende Versammlung für den 2. April berufenen Landtag seinen Sitz einzunehmen. Mit tiefem Ekel sah er die preussischen Farben verdrängt durch Schwarzrotgelb, zweifelhafte Bürger- wehr statt königlicher Truppen, blutige Reden auf allen Strassen, in allen Schenken, die Haupt- stadt in der Hand der Massen. Unter dem frischen Eindruck des eben Erlebten warnte Bismarck vor jeder Übereilung bei der Beratung der an den König zu richtenden Adresse und erklärte, als er damit nicht durchdrang:Was mich veranlasst, gegen die Adresse zu stimmen, sind die Kusserungen von Freude und Dank für das, was in den letzten Tagen geschehen ist; die Ver- gangenheit ist begraben, und ich bedauere es schmerzlicher als viele von Ihnen, dass keine mensch- liche Macht imstande ist, sie wieder zu erwecken, nachdem die Krone selbst die Erde auf ihren Sarg geworfen hat. Aber wenn ich dies, durch die Gewalt der Umstände gezwungen, acceptiere, so kann ich doch nicht aus meiner Wirksamkeit auf dem Vereinigten Landtage mit der Lüge scheiden, dass ich für das danken und mich freuen soll über das, was ich mindestens für einen irrtümlichen Weg halten muss.

In die preussische Nationalversammlung, die aus direkten Wahlen hervorgegangen, zur Lösung der schwebenden Fragen im Mai 48 in Berlin zusammentrat, war Bismarck nicht gewählt worden. Aber er war deshalb nicht unthätig. Durch Versammlungen und Presse warb er unter dem Adel und den Bauern für die Krone; in Schönhausen übte er persönlich eine ihm treu er- gebene Bürgerwehr ein; durch Wort und Schrift und That suchte er die revolutionären Gelüste der Nationalversammlung, in der das Jakobinertum von Tag zu Tag roter schillerte, einzudämmen. Wiederholt vor den König beschieden, drängte er auf kraftvolles Handeln und rief ihm die Worte zu:Mut und Mut und wieder Mut, und Majestät werden siegen! Endlich ermannte sich der schwache König, stellte auf Bismarcks Rat im November den General Grafen Brandenburg an

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