IX
liothek noch einen einzigen Schlag nachthut, wenn die andern a tempo ausgeschlagen haben. Karl V. war ein dummer Kerll“
Im November 45 starb Bismarcks Vater. Bernhard erhielt zu Külz noch Jarchelin als Eigentum, Kniephof wurde verpachtet, und Otto von Bismarck zog anfangs 46 nach Schönhausen. Gleichzeitig wurde er zum Deichhauptmann für die Strecke der Elbe von Jerichow bis Sandan er- nannt. Als solcher hatte er die Instandhaltung der Dämme, namentlich bei Hochwasser, zu be- aufsichtigen, eine Thätigkeit, die er später als Reichsdeichhauptmann gegenüber den brandenden Fluten der Dänen, Gallier und Slaven in weit umfassenderer Weise mit dem grössten Geschick gepflegt hat. Auch wurde er zum Abgeordneten der Ritterschaft des Kreises Jerichow in den Sächsischen Provinziallandtag in Merseburg gewählt.
Nun sollte Schönhausen nicht länger der Herrin entbehren. Im Jahre 44 hatte Bis- marck bei einer Hochzeitsfeier Fräulein Johanna von Puttkamer von Reinfeld in Pommern kennen gelernt, und das Bild der lieblichen Jungfrau erfüllte seit der Zeit seine Seele. Im Sommer 46 machte er mit einer kleinen Gesellschaft eine Harzreise, an der auch, vermutlich nicht ohne Ab- sicht beiderseits, Fräulein Johanna teilnahm. Hier fanden sich die Herzen. Bismarck schrieb an die Eltern, Herrn Heinrich und Frau Liutgarde von Puttkamer, und bat um die Hand der Tochter. Sie waren aber über das Verlangen des tollen Bismarck, den man aus seiner Kniephof- zeit in keiner allzu guten Erinnerung hatte, gan⸗ bestürzt, die Mutter untröstlich, der Vater, wie er später gestand, wie mit der Axt vor den Kopf geschlagen. Doch lud man Bismarck ein, nach Reinfeld zu kommen. Als er dort eintraf, kam er den schwiegerelterlichen Bedenken rasch zuvor und schloss, vor den Augen der verblüfften Alten mit einem herzhaften Kuss den Bund besiegelnd, die Braut in seine Arme. Sie haben es beide nicht bereut, des Herzens Stimme gefolgt zu sein. „Sie ahnen nicht, was diese Frau aus mir gemacht hat“, hat später Bismarck gesagt; in manchen bangen Stunden ist Johanna ihm Leuchte, Trost und Stab gewesen. Für sein häusliches Glück gibt es der Zengnisse übergenug. Im Juli 1872 schrieb Wilbelm I. an seinen Kanzler:„Dass Ihnen beiden unter so vielen Glücksgütern, welche die Vorsehung für Sie erkoren hat, doch immer das häusliche Glück obenan stand, das ist es, wofür Ihre Dankgebete zum Himmel steigen..... Und nach all Ihren Mühen fanden Sie stets in der Häuslichkeit Erholung und Frieden, das erhält Sie in Ihrem schweren Berufe.“ Und 1893 sagte Bismarck zu den Hamburgern, die ihm einen Fackelzug gebracht hatten:„Gott hat mir reichen Segen gegeben, dass mein Familienleben ein so sehr glückliches ist“. Im Juli 1847 fand die Hochzeit statt. Drei Kinder wurden den Bismarcks geschenkt: Marie, 48 in Schönhausen, Herbert, 49 in Berlin, Wilhelm, 52 in Frankfurt a. M. geboren.
Zwischen Verlobung und Vermählung fiel Bismarcks erstes parlamentarisches Auftreten. Seit den grossen Tagen der Befreiungskriege waren es vornehmlich zwei Ziele, die das deutsche Volk zu erreichen strebte: Einheit und Verfassung. Schwere, blutige Kämpfe hats ge- kostet, fünfzig lange Jahre, bis endlich die Träume in Erfüllung gingen Grosse Hoffnungen setzte das preussische Volk auf seinen hochgemuten König Friedrich Wilhelm IV. Leider wurzelte dieser geistvolle Mann mit seinem ganzen Denken und Fühlen in einer Weltanschauung, die die Mehrheit seiner Zeitgenossen nicht mehr verstand, und die von neuem künstlich zu beleben weder nützlich, noch auch möglich war. Nur zögernd, widerwillig, stets mit halbem Herzen gab
2


