VIII
Vorgesetzter, der Oberpräsident Ministerialdirektor von Meding, war ein wenig beliebter Beamter, herrisch nach unten, geschmeidig nach oben. Er pffegte seine Untergebenen, die in dienstlichen Angelegenheiten bei ihm erschienen, über Gebühr warten zu lassen, sah dabei mit Vorliebe zum Fenster hinaus und trommelte indessen auf die Scheiben. Diesen Scherz ersparte er auch Bismarck nicht. Der aber, schlagfertig wie immer, trat an ein anderes Fenster und spielte auf demselben Instrument wie Herr von Meding den Dessauer Marsch mit einem solchen Fortissimo maëstoso, dass er die Melodie, jener die Begleitung zu trommeln schien. Dass das kein gut that auf die Daner, war vorauszusehen. Einige Zeit später wollte Bismarck um Urlaub bitten. Nachdem der Gestrenge ihn eine halbe Stunde im Vorzimmer hatte warten lassen, sagte Bismarck zu dem Haus- diener:„Sagen Sie dem Herrn Oberpräsidenten, ich wäre fortgegangen, aber ich käme auch nicht wieder“. Er hat Wort gehalten. Als bald darauf Bismarck und von Meding sich in Berlin in Ge- sellschaft trafen, und der Hausherr die übliche Frage that: ob die Herren sich kennten? antwortete Bismarck:„Ich habe nicht die Ehre.“
Nun gings wieder nach Kniephof, dann auf Reisen nach Frankreich und Italieh, ziemlich planlos umher. Einige Zeit lebte Bismarck in Berlin und wechselte vor Langeweile alle paar Tage die Wohnung; öfters eilte er auch nach Schönhausen, wohin ihn besonders seine zärtlich geliebte Schwester Malwine zog. Als sie Ende 44 sich mit dem Landrat Oskar von Arnim auf Kröchlendorff vermählt hatte, kam es Bismarck ziemlich öde in Schönhausen vor. Einige Zeit nach der Hochzeit schrieb er an die Schwester:„Nach Eurer Abreise habe ich das Haus natürlich sehr einsam gefunden; ich habe mich an den Ofen gesetzt, geraucht und Betrachtungen darüber angestellt, wie unnatürlich und selbstsüchtig es ist, wenn Mädchen, die Brüder haben und obenein unverehelichte, sich rücksichtslos verheiraten und thun, als wenn sie nur in der Welt wären, um ihren fabelhaften Neigungen zu folgen, eine Selbstsucht, von der ich unser Geschlecht und mich persönlich glücklich frei weiss.... Nächstdem lebe ich hier mit dem Vater lesend, rauchend, spazierengehend, helfe ihm Neunaugen essen und spiele zuweilen eine Komödie mit ihm, die es ihm gefällt Fuchsjagd zu nennen; wir gehen nämlich bei starkem Regen, oder jetzt sechs Grad Frost, mit Ihle, Bellin und Karl hinaus, umstellen mit aller jägermässigen Vorsicht, lautlos unter sorg- fältiger Beobachtung des Windes einen Kiefernbusch, von dem wir alle, und vielleicht auch der Vater, überzeugt sind, dass ausser einigen Holz suchenden Weibern kein lebendes Geschöpf darin ist. Da- rauf gehen Ihle, Karl und zwei Hunde unter Ausstossung der seltsamsten und schrecklichsten Töne, be- sonders von seiten IIles, durch den Busch, der Vater steht regungslos mit schussfertigem Gewehr, genau als wenn er wirklich ein Tier erwartete, bis Ihle dicht vor ihm schreit:„hu, la, la, he, he, fasst, Dhäh, häh!“ in den sonderbarsten Kehllauten. Dann fragt mich der Vater ganz unbefangen, ob ich nichts gesehen habe, und ich sage mit einem möglichst natürlich gegebenen Anflug von Ver- wunderung im Tone: nein, nicht das Mindeste! Dann gehen wir, auf das Wetter schimpfend, zu einem andern Busch, dessen vermutliche Ergiebigkeit an Wild Ihle mit einer recht natürlich ge- spielten Zuversicht zu rühmen pflegt, und spielen dal segno. So geht es drei bis vier Stunden lang, ohne dass in Vater, Ihle und Fingal die Passion eiuen Augenblick zu erkalten scheint. Ausserdem besehen wir täglich zweimal das Orangeriehaus und einmal die Schäferei, stündlich die vier Thermometer in der Stube, rücken die Zeiger des Wetterglases und haben, seit das Wetter klar ist, die Uhren nach der Sonne in solche Übereinstimmung gebracht, dass nur die an der Bib-


