VII
Die pommerischen Güter nahmen die beiden Brüder Bernhard und Otto von Bismarck an- fangs gemeinsam in Verwaltung. Als dann Bernhard 1841 Landrat des Kreises Naugard wurde, bekam er Külz, Otto Jarchelin und Kniephof. Die Güter waren verschuldet und verwahrlost. Ein schwer Stück Arbeit, sie zu heben. Von früh bis' spät war Bismarck in der Wirtschaft thätig; überall, in Feld und Wald, in Stall und Scheune, sah er nach dem Rechten. Es gelang ihm wirklich, die Schulden abzutragen und die Güter wieder in den Stand zu setzen. Aber die Schranken, die das Dasein und die Thätigkeit eines kleinen pommerischen Landedelmanns um- schlossen, waren Bismarck bald zu eng. Er trat in lebhaften Verkehr zu benachbarten Gutsbe- sitzern und Offizieren. In tollen Ritten streifte er die Gegend ab, und mehr wie einmal stürzten Ross und Reiter. Lustige Gesellen stellten sich in Kniephof ein; bei Porter, Sekt und Spiel gings oft hoch her. Bald sprach man in der ganzen Nachbarschaft nur noch vom tollen Bismarck; Kniephof, hiess es, sei jetzt Kneiphof worden. Aber Bismarck ging nicht unter in dem Treiben. Hier rang ein mächtiger Geist noch nach Entfaltung und Vertiefung. Oft verfiel er damals, wie Hamlet und Goethe in seinen jungen Jahren, in eine Art von Schwermut. Omnes ingeniosi me- lancholici— auch an ihm hat sich die Wahrheit dieses alten Satzes bewährt. Wochenlang sass Bismarck hinter den Büchern, studierte philosophische, theologische und besonders geschichtliche Werke. Auf die Lektüre Spinozas sind wohl seine pantheistischen, auf das Studium der englischen Geschichte seine damals entschieden liberalen Neigungen zurückzuführen. Neben der grossen Lehr- meisterin, der persönlichen Erfahrung, verdankt Bismarck seine umfassende Weltkenntnis vor allem dem gründlichen Versenken in die Geschichte der Völker, die Erfahrung der Vergangenleit; bis in sein hohes Alter hinein war er, getreu dem römischen Grundsatz: Bonus vir semper tiro, dem Studium der Geschichte zugethan.
Bismarck war auf seinen Antrag zur Kavallerie versetzt worden und machte im Sommer 42 als Landwehrleutnant eine iibung bei den Stargarder Ulanen mit. An einem Sonntagnach- mittag— es war der 24. Juni— stand er mit einigen Kameraden auf der Brücke des Wendelsees bei Lippehne und sah zu, wie sein Reitknecht Hildebrand ein Pferd in die Schwemme ritt. Das Tier überschlug sich, und der Knecht verschwand im Wasser. Rasch warf Bismarck Säbel und Rock von sich und sprang ihm nach. Es gelang ihm wirklich, den Ertrinkenden zu tassen; da dieser aber seinen Retter krampfhaft umklammerte, so schwebten beide in Lebensge- fahr. Nur mit der grössten Anstrengung rang sich Bismarck los und erreichte, den Knecht nach- schleppend, glücklich das Ufer. Für diese heldenmütige That erhielt er eine Denkmünze mit der Aufschrift: Für Rettung aus Gefahr, und sie war lange der einzige, von ihm mit Stolz getragene Schmuck an seiner Brust. Von einem österreichischen Diplomaten später einmal nach der Be- deutung der Münze gefragt, erwiderte Bismarck:„Ich habe die Gewohnheit, zuweilen einem Menschen das Leben zu retten“. In der That, er hat nicht nur einzelnen Menschen das Leben gerettet, einem ganzen Volke hat er aus dem Sumpfe nationalen und politischen Elends herausge- holfen. Dafür ward ihm die Unsterblichkeit.
Vorübergehend, im Jahre 44, hat Bismarck, zusammen mit dem Erbprinzen Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst, dem jetzigen Reichskanzler, nochmals als Referendar bei der Regierung in Potsdam gearbeitet. Aber was er suchte, fand er nicht; geistige Arbeit, Nahrung für die Seele waren in der Tretmühle des Bureaukratismus gänzlich unbekannte Dinge. Bismarcks


