Aufsatz 
Fürst Bismarck : Rede, gehalten am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers, 27. Januar 1897 / von Otto Ankel
Entstehung
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VI er das Leben in vollen Zügen genossen. An den Rhein. die Mosel, nach Holland, Belgien und Frankreich gingen die Fahrten, und selbst der grüne Spieltisch in Ems und Wiesbaden scheint ihm, zu seinem Nachteil freilich, nicht unbekannt geblieben zu sein. Seines Aufenthalts in Wies- baden gedenkt Bismarck vierzehn Jahre später in jenem klassisch schönen Briefe, den er im Juli 51 von Frankfurt aus an seine Gemahlin schrieb. Es heisst darin:Vorgestern war ich zu Mittag in Wiesbaden bei rs und habe mir mit einem Gemisch von Wehmut und altkluger Weisheit die Stätten früherer Thorheit angesehen. Möchte es doch Gott gefallen, mit seinem klaren und starken Weine dies Gefäss zu füllen, in dem damals der Champagner eiuundzwanzigjähriger Jugend nutz- los verbrauste und schale Neigen zurückliess. Wo und wie mögen* und Miss** jetzt leben, wie viele sind begraben, mit denen ich damals liebelte, becherte und würfelte, wie hat meine Welt- anschauung doch in den vierzehn Jahren seitdem so viele Wandlungen durchgemacht, von denen ich immer die gerade gegenwärtige für die rechte Gestaltung hielt, und wie vieles ist mir jetzt klein, was damals gross erschien, und wie vieles jetzt ehrwürdig, was ich damals verspottete! Wie manches Laub mag noch an unserem inneren Menschen ausgrünen, schatten, rauschen und wertlos welken, bis wieder vierzehn Jahre vorüber sind, bis 1865, wenn wirs erleben! Ich be- greife nicht, wie ein Mensch, der über sich selbst nachdenkt und doch von Gott nichts weiss oder wissen will, sein Leben vor Verachtung und Langeweile tragen kann. Ich weiss nicht, wie ich das früher ausgehalten habe; sollte ich jetzt leben, wie damals, ohne Gott, ohne Dich, ohne Kinder, ich wüsste doch in der That nicht, warum ich dies Leben nicht ablegen sollte, wie ein schmutziges Heide; und doch sind die meisten meiner Bekannten so und leben. Wenn ich mich bei dem Einzelnen frage, was er für Grund bei sich haben kann, weiter zu leben, sich zu mühen und zu ärgern, zu intrigieren und zu spionieren, ich weiss es wahrlich nicht. Schliesse nicht aus diesem Geschreibsel, dass ich gerade besonders schwarz gestimmt bin, im Gegenteil, es ist mir, als wenn man an einem schönen Septembertage das gelbwerdende Laub betrachtet; gesund und heiter, aber etwas Wehmut, etwas Heimweh, Sehnsucht nach Wald, See, Wüste, Dir und Kindern, alles mit Sonnenuntergang und Beethoven vermischt. Besonders der Verkehr mit Aus- ländern, Engländern, Franzosen, Belgiern, die zahlreich in die Bäderstadt Aachen kamen und sich gerne in der Gesellschaft des flotten pommerischen Edelmanns bewegten, war für die Erweiterung von Bismarcks geistigem Horizont von grossem Einfluss. So lernte er fremde Eigenart kennen und verstehen und gewann spielend jene Sicherheit im gesellschaftlichen Verkehr, die für den künftigen Diplomaten und Staatsmann von höchster Bedeutung war.

Es scheinen Geldschwierigkeiten gewesen zu sein, die Bismarck veranlassten, dem teuren Aachen Lebewohl zu sagen. Im Herbst 37 liess er sich nach Potsdam versetzen, wo er auch im nächsten Frühjahr zur Ableistung seines Dienstjahres bei den Gardejägern eintrat. Nach einem halben Jahr erhielt er die Erlaubnis, den Rest in Greifswald abzudienen; zugleich besuchte er auf Wunsch seines Vaters die Landwirtschaftliche Akademie in dem benachbarten Eldena. Am 1. Januar 39 starb ihm die Mutter, ohne dass sie ihren Lieblingstraum von den diplomatischen Lorbeern ihres Otto hatte in Erfüllung gehen sehen. Bismarcks Vater schlug nun seinen dauern- den Wohnsitz in Schönhausen auf, wo inzwischen freilich der grössere Teil des alten Stammsitzes, derselbe, den die Dankbarkeit des deutschen Volkes 1885 dem Fürsten zurückgegeben hat, unter der Ungunst der Zeiten verloren gegangen war.