Aufsatz 
Fürst Bismarck : Rede, gehalten am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers, 27. Januar 1897 / von Otto Ankel
Entstehung
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geflogen. Diesmal kam er mit einigen Thalern Strafe weg: später hat er auch öfters Bekannt- schaft mit dem Karzer gemacht, ja auf einer lustigen Fahrt nach Jena wurde er samt seinem Freunde von Trotha frühmorgens, noch im Bette liegend, vom Senat der Universität durch den Pedellen aufgefordert, binnen zwei Stunden die Stadt zu verlassen, da die Herren Jenas akade- mische Jugend zu allerlei Unfug verführten Dass Bismarck wenig oder gar nicht im Kolleg zu sehen war, das lässt sich denken und begreifen. Der Rechtslehrer Hugo, an den er zudem noch brieflich empfohlen war, schrieb ihm ins Belegbuch:Ich habe studiosum niemalst in meinem auditorio gesehen, und seit der Zeit hatte Bismarck für den Mann, der ihm so wahrheitsgemäss seine Abwesenheit bescheinigt hatte, eine ganz besondere Hochachtung. Dagegen war er der flotteste Reiter, Schwimmer, Tänzer und Fechter. Nicht weniger als siebenundzwanzig Mensuren hat er in den drei Göttinger Semestern gehabt, und in allen war er siegreich. Kein Wunder, dass seine Korpsbrüder er war nach längerm Zögern trotz entschieden burschenschaftlicher Neigungen dem Korps der Hannoveraner beigetreten ihn mit Stolz Achilles nannten. Für sein deutsches Vaterland hatte Bismarck schon damals ein warmes Herz. Mit dem Amerikaner Coftin, einem Landsmann von Bismarcks treuem Freunde John Motley, der sich über den bunten Schlaf- rock des deutschen Michel aus sechsunddreissig Lappen und Läppchen lustig machte, ging er eine Wette ein:Deutschland wird einig werden, so rief er dem Zweifler zu, nicht jetzt und weder durch die Schläger der Korpsburschen, noch durch die Tinte der Schreiber, aber in zwanzig Jahren ist Deutschland einig, ich setze zwanzig Flaschen Wein zur Wette. So rasch gings freilich nicht, denn Gottes Mühlen mahlen langsam; aber jenes prophetische Wort ist doch endlich in Er- füllung gegangen, in Erfüllung gegangen durch denselben Mann, der es als Jüngling einst gesprochen hatte.

Herbst 1833 wandte sich Bismarck nach Berlin, hörte zwar keine Kollegs, erwarb sich aber durch Privatfleiss die nötigsten Kenntnisse und bestand im Mai 35 das erste juristische Examen alssehr gut befähigt. Dann trat er als Auskultator in den Justizdienst ein und ar- beitete zunächst mehrere Monate als Protokollführer beim Kriminalgericht in Berlin, worauf er zur weitern Einführung in die richterliche Praxis dem Stadtgericht und zwar der Abteilung für Ba- gatellsachen überwiesen wurde. Sehr entzückt war er gerade nicht von dieser geistvollen Thätig- keit, und es ist nicht zu verwundern, dass er seinem Unmut zuweilen recht kräftig Luft machte. Bei einer Verhandlung, die ein älterer Stadtgerichtsrat zu leiten hatte, erlaubte sich ein Spree- athener allerhand windige Redensarten, was Bismarck ihm verwies, ihm drohend, er werde ihn hinauswerfen. Worauf der Vorsitzende den Herrn Auskultator bedeutete, das Hinauswerfen sei seine Sache. Als nun der Angeklagte, dadurch ermutigt, seine Zunge noch besser handhabte, erhob sich Bismarck in seiner ganzen, nicht unbeträchtlichen Länge und rief:Herr, menagieren Sie sich, oder ich lasse Sie durch den Herrn Stadtgerichtsrat hinauswerfen! Im folgenden Winter wurde Bismarck mit einem ähnlich hochgewachsenen Herrn von Schenk dem Prinzen Wilhelm, dem spätern Kaiser, vorgestellt, der damals kommandierender General des 3. Armeekorps war. Mit Wohlgefallen ruhten die Augen des Prinzen auf den beiden Hünen, und freundlich lächelnd sprach er:Nun, die Justiz sucht sich ihre jungen Leute jetzt wohl nach dem Gardemass aus

Im folgenden Jahre trat Bismarck, der des Protokollführens und Zeugenvernehmens endlich genug hatte, zur Verwaltung über und wurde Referendar bei der Regierung in Aachen. Hier hat