Aufsatz 
Fürst Bismarck : Rede, gehalten am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers, 27. Januar 1897 / von Otto Ankel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

IV

Friedrich dem Grossen als Soldat gedient, dann 1795 auf Wunsch seines Vaters als Rittmeister den Abschied genommen, um, wider Neigung und Familiensitte Schwert mit Pfiug vertauschend, als Landwirt seine Güter zu bebauen. Die Mutter, Wilhelmine Luise, war eine Bürgerliche, die Tochter des verdienstvollen preussischen Kabinettsrats Mencken, eine feingebildete, kenntnisreiche und gemütstiefe Frau, liberalen Anschauungen nicht abgeneigt. Schon ein Jahr nach der Geburt Ottos zogen die Eltern von Schönhausen nach Pommern, wo ihnen die Rittergüter Kniephof, Külz und Jarchelin durch Erbgang zugefallen waren. In Kniephof wuchs der junge Bismarck mit seinem- fünf Jahre ältern Bruder Bernhard heran, zur Freude seiner Eltern, der Liebling aller, die ihn kannten. Ich behaupte nicht, dass er ein ganz absonderlich begabtes Kind gewesen sei; zwei Züge aber waren früh dem Knaben eigen: Frömmigkeit und Wahrheitsliebe, die Grundlage, worauf sich später der einzigartige Charakter des Fürsten entwickelt hat.

Sechs Jahre alt, wurde Otto der Plamann'schen Erziehungsanstalt in Berlin übergeben, wo sich sein Bruder Bernhard schon befand. Aber die spartanische Erziehung sagte ihm nicht zu, unddie Mauern der Häuser waren zu eng für den freiheitliebenden Knaben, der Luft und Licht, Wald und Heide gewohnt war. Oftmals, wenn er auf Spaziergängen draussen vor Berlin die Bauern Heu machen oder Korn einfahren sah, traten ihm die Thränen in die Augen. Von den Kameraden wurde der kleine pommerische Junker anfangs kühl behandelt; bald aber wusste er sich Achtung zu verschaffen, und nicht lange dauerte es, da war er der anerkannte Führer. Ajax nannten ihn seine Genossen, ein Beweis, dass sie ihn schon damals eines Heldennamens für würdig hielten. Lebhaftes Interesse bekundete Otto für fremde Sprachen und Geschichte. Seine Lieb- lingslektüre war des unsterblichen Homer Trojanischer Krieg; nicht selten sass Jung-Bismarck auf einem Lindenbaum im Garten und las den lauschenden Gefährten von Agamemnon, Hektor und Achilles vor. Nach sechsjährigem Aufenthalt in dieser Anstalt trat Bismarck im Jahre 1827 in die Untertertia des Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums ein, das er, seinem Lehrer Bonnell folgend, 1830 mit dem Gymnasium zum Grauen Kloster vertauschte. Er wohnte einige Jahre in der Ber- liner Wohnung seiner Eltern, die dort zeitweilig Aufenthalt nahmen; 1831 kam er zu Doktor Bonnell. in Pension. Ihm war Bismarck besonders zugethan; in Dankbarkeit hat er immer des wackern Mannes gedacht. Am 31. März 1830 wurde er von dem berühmten Pastor Schleiermacher in der Dreifaltigkeitskirche konfirmiert. Für den sittlichen Ernst unsres Helden spricht es, wenn er in spätern Jahren noch bekannte, die Feier habe einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht. Schleiermacher gab ihm den Spruch Epheser 6, Vers 7 mit auf den Lebensweg:Lasset euch dünken, dass ihr dem Herrn dienet und nicht den Menschen. Der Mann hat gehalten, was der Jüngling gelobte; vierzig Jahre später hat Bismarck bekannt:Wenn ich nicht mehr Christ wäre. pliebe ich keine Stunde mehr auf meinem Posten. Wenn ich nicht auf meinen Gott rechnete, so gäͤbe ich gewiss nichts auf irdische Herren.

Ostern 1832 bezog Bismarck auf Wunsch seiner Eltern er selbst wäre, wie die meisten seiner Ahnen, am liebsten Soldat geworden die Universität Georgia Augusta in Göttingen, um die Rechte zu studieren. Der junge Student war erst eine Nacht in seinem neuen Heim, da hatte er auch schon eine Vorladung zum Universitätsrichter. Bismarck hatte nämlich mit einigen mecklen- purgischen Edelleuten, mit denen er den Harz durchwandert, in der Goldnen Krone in Göttingen scharf gezecht, und dabei war, natürlich zufällig, eine Flasche zum Fenster hinaus auf die Strasse