Aufsatz 
Fürst Bismarck : Rede, gehalten am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers, 27. Januar 1897 / von Otto Ankel
Entstehung
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III

Kopf, willensstarke, thatenfrohe Helden, Männer, die aus dem schlackigen Golde der religiösen, po- litischen und sozialen Gedanken gangbare Edelmünzen von geschichtlicher Währung prägen. Solche Männer zu besitzen in grosser Zahl, aus dem eignen Schosse ihm emporgewachsen, hat das deutsche Volk in diesem zu Ende gehenden Jahrhundert das hohe Glück gehabt. Liebgewordene Gestalten sinds, den Kindern schon vertraut zum Teil, in Lied und Wort besungen und beschrieben, in Stein und Erz der Nachwelt hingestellt. Einen dieser Helden, wohl den grössten aus der Reihe, noch lebend zwar im tannendunklen Sachsenwald, doch fertig abgeschlossen, des Deutschen Reiches ersten grossen Kanzler wollen wir in dieser Festesstunde nun betrachten.

An demselben 1. April des Jahres 1815, wo der von Elba entflohene Napoleon, ganz im Stile seiner verlogenen Diplomatie, dem erstaunten Europa verkündete: Sein süssester Gedanke sei nun der allgemeine Weltfriede, in dem der heilige Wettstreit um die Wohlfahrt der Völker beginnen könne an demselben 1. April Wurde dem Besitzer des Gutes Schönhausen in der Altmark, Herrn Ferdinand von Bismarck, ein Knabe geboren, der vom Schicksal dazu ausersehen war, jene Heuchelei des gallischen Kaisers durch deutsche Wahrheit und durch deutsche Treue zu erfüllen.

Altadlig ist das Geschlecht, aus dem die Bismarcks stammen. Der Name geht wohl zu- rück auf das altmärkische Städtchen Bismark, ursprünglich Bischofsmark, Biskopesmark, das einst den Bischöfen von Havelberg gehörte, und wo die nachmals so genannten Bismarcks ihren Wohnsitz hatten.¹) Später liessen sie sich in dem benachbarten Stendal nieder und waren als Mit- glieder der Gewandschneidergilde und des städtischen Rats ein stadtgesessenes, aber ritterbürtiges Patriziergeschlecht. Urkundlich zuerst genannt wird im Jahre 1270 Herbord von Bismarck, Gross- kaufmann und Aldermann in Stendal, der somit als Ahnherr des Geschlechts zu gelten hat. Klaus von Bismarck, ein echter Junker, reichbegütert, war ein tüchtiger Staatsmann in branden- burgischen Diensten; 1345 erhielt er von dem wittelsbachischen Markgrafen Ludwig d. A. das Schloss Burgstaill in der südlichen Altmark als erbliches Mannlehen. Seitdem gehörten die Bis- marcks zu den schlossgesessenen Familien der Mark, die unter dem Adel eine bevorzugte Stellung einnahmen. Mit den märkischen Raubjunkern haben es die Bismarcks nie gehalten; stets traten sie für Recht und Ordnung ein. Klaus III. und Henning von Bismarck begrüssten den ersten Markgrafen aus dem Hohenzollernhaus mit Freuden; oft kehrten die Zollernprinzen auf der Jagd bei den Bismarcks in Burgstall ein schon damals ein dem Herrscherhause treu ergebenes Geschlecht. Auf eine harte Probe wurde diese Treue gestellt, als im Jahre 1562 der Kurprinz Johann Georg das Ansinnen an die Bismarcks stellte, ihm Burgstall und seine Jagdgründe zur Vergrösserung seines eignen Jagdgebietes abzutreten. Schweren Herzeas verliessen sie den Stamm- sitz ihrer Väter und zogen nach Schönhausen drüben über der Elbe, das ihnen, Dorf und Amt, nebst andren Besitzungen als Ersatz für Burgstall wurde.

Hier in Schönhausen erblickte Otto Eduard Leopold von Bismarck das Licht der Welt. Sein Vater, Karl Wilhelm Ferdinand, ein Edelmann im besten Sinn des Wortes, hatte noch

¹) Eine andere Ableitung denkt an das Flüsschen Biese, an dem im 13. Jahrhundert eine Mark bestanden haben soll, deren Befehlshaber Herr von Biese-Mark genannt wurde. 1*