Aufsatz 
Fürst Bismarck : Rede, gehalten am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers, 27. Januar 1897 / von Otto Ankel
Entstehung
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II

In trinitate robur.

Die Thaten grosser Männer zu feiern, ist eine Pflicht frommer Dankbarkeit, für die das historische Bewusstsein des deutschen Volkes stets Sinn und Verständnis gezeigt hat. Wenn wir die schlichte Grösse unsrer vaterländischen Geschichte betrachten, von jenen ruhmvollen Tagen. da Hermann der Cherusker römischer Herrschsucht ein Ziel setzte, bis in die jüngste glorreiche Vergangenheit: nimmer hat es uns Deutschen an Männern gefehlt, an Männern des Kopfes und Herzens, an Helden des Willens und sittlicher Kraft. Wahrlich, wir haben allen Grund, uns der Vergangenheit zu freuen! Waren auch manchmal die Pfade dunkel und verworren: der gesunde Sinn unsres Volkes hat sich stets auf den rechten Weg zurückgefunden, folgend den Führern, die die weltenwaltende Vernunft zur rechten Zeit am rechten Ort ihm sandte. Nach altem, gutem Brauche feiern wir heute den Geburtstag unsres Landesherrn, des Königs und des Kaisers. Trägt, dieses Fest in neurer Zeit auch vorwiegend amtlichen Charakter, so gedenkt doch die ganze deutsche Völkerfamilie in ihrer grossen Mehrheit an diesem Tag des Mannes, dessen kraftvoller Arm das Steuer des Staatsschiffs zu lenken den schweren Beruf hat, und wünscht ihm Heil und Segen. Es kann nicht die Aufgabe des Historikers sein, Wilhelm II. mit dem geschichtlichen Massstab zu messen, den an Wilhelm I., unsern seligen Kaiser, diese bereits durchaus historische Persönlichkeit, zu legen er berechtigt und verpflichtet ist. Wilhelm II. steht mitten inne im po- litischen und geschichtlichen Werden, uns viel zu nahe, vielfach auch zu ferne, als dass eine that- sächliche Würdigung des Herrschers möglich wäre. Das bleibt dem Licht und Schatten redlich verteilenden Geschichtschreiber des 20. Jahrhunderts vorbehalten; unsre Aufgabe wird sich auf die Betrachtung fertiger Persönlichkeiten von bereits historischem Geltungswert beschränken. müssen. Es ist ein charakteristischer Zug der deutschen Geschichte im weitesten Sinne, dass sie auf keinem Gebiete die niederdrückende, überwältigende Grösse kennt, wie sie auf dem militärisch- politischen Gebiet Frankreich in dem diabolischen Genie Napoleons erfahren musste. Neben Luther steht Melanchthon, neben Goethe Schiller, neben Mozart Beethoven, neben Kant Fichte, neben Friedrich dem Grossen seine Generale, neben Scharnhorst Gneisenau, neben Jakob steht Wilhelm Grimm. Auch das 19. Jahrhundert, das, abgesehen von der machtvollen Entfaltung der Naturwissenschaft, vorwiegend politisch-sozialen Charakter trägt, verleugnet jenen segens- vollen Grundzug der deutschen Geschichte nicht, und wenn wir reden vom Zeitalter Kaiser Wilhelms I., so verstehen wir darunter nichts anders, als die ideale Zusammenfassung all der Per- sönlichkeiten, die, um den Preussenkönig geschart, die Einheit Deutschlands geschaffen haben, ge- schaffen im Einklang mit dem Sehnen und dem Hoffen eines grossen Volkes, das nicht glauben wollte, dass die Kaiserkrone der Ottonen und der Staufer in dem Moder der Geschichte nun und immerdar begraben sei. Die hehre Idee von Deutschlands Einheit, sie ward nach dem Untergang des alten Reiches treu gehegt und warm gepflegt im Herzen des deutschen Volkes. Aber mit Ideen allein ist nichts gethan, und seien sie auch noch so erhaben; Ideen können nur dann Gestalt, gewinnen, wenn sich zu ihnen Männer gesellen, Männer von Fleisch und Blut, von Herz und