Ein zweites Hinderniß, das der Erreichung des gewünſchten Zieles in dem gymnaſtiſchen Unterrichte entgegen tritt, iſt die Beſchränkung deſſelben auf die Sommerzeit. Bekanntlich ſind an Schulen die Sommerſemeſter kürzer als die Winterſemeſter; außerdem wird der Unterricht noch durch die in dieſelben fallenden verſchiedenen Ferien verkürzt; zuweilen geſtattet ungünſtige Witterung die Vornahme von gymnaſtiſchen Uebungen nicht, ſo daß dieſelben vielleicht nur während vier Monaten betrieben werden können. Hiedurch, ſowie durch die Unterbrechungen während der kalten Jahreszeit, iſt eine geregelte Folge des Unterrichtes nicht zu erzielen, und bleibt daher ſein eigentlicher Zweck unerreicht.*) Würden dagegen die Uebungen auch während des Winters betrieben werden, wo in Ermangelung anderer Bewegungen, zu denen im Sommer mehr Veranlaſſung gegeben iſt, als Baden, Schwimmen, gemeinſame Spaziergänge, Excurſionen zu naturhiſtoriſchen Zwecken u. dgl. der Aufenthalt in friſcher Luft für die durch anhaltendes Stubenſitzen abgeſpannte und erſchlaffte Jugend ein dringendes Bedürfniß iſt, ſo würde der Unterricht geordneter und wirkſamer ſein können. Ein nothwendiges Erforderniß hiefür iſt allerdings die Errichtung eines Winterturnlokales, für deſſen Herſtellung ohne bedeutendere Koſten ſich wohl leicht in einem Schulgebäude Räumlichkeiten finden ließen. Der gymnaſtiſche Unterricht müßte dann freilich in vollkommene Uebereinſtimmung mit dem ganzen Schulplane gebracht werden, er dürfte nicht ausſchließlich in die Freiſtunden, die nebenbei für Erholung, Stärkung und Abhärtung den Schülern zu freier Verwendung überlaſſen werden müſſen, ſondern in beſtimmte, regelmäßige Stunden**), und zwar entweder zwiſchen die einzelnen Lectionen, natürlich nach längerer Zeit geiſtiger Anſtrengung***), oder in die ohnedieß zur Erholung und Erfriſchung beſtimmten Pauſen theilweiſe hineingelegt werden. Es würde dadurch auch dem dritten Hinderniſſe, welches dem methodiſchen Unterrichtsgange in der Gymnaſtik entgegen tritt, nämlich der übergroßen Anzahl der Turnenden, paſſend ausgewichen werden können, indem eine Trennung der Schüler in kleinere Abtheilungen erfolgt, wodurch Aufſicht und Erhaltung der Ordnung weſentlich erleichtert wird, denn die Unterſtützung inſpicirender Lehrer oder Vor⸗ turner würde allein nicht dazu beitragen, die Schwierigkeit des Unterrichtens einer größeren Anzahl von Schülern zu heben.
Nachdem nun im Vorſtehenden verſucht worden iſt, die Nothwendigkeit einer naturgemäßen Ausbildung des jugendlichen Körpers darzuthun und die Mittel und Wege zur Erlangung derſelben anzudeuten, bleibt es einer ſpäteren Mittheilung vorbehalten, auf die Stellung und Bedeutung der körperlichen Uebungen von dem pädagogiſchen Standpunkte aus hinzuweiſen.
*)„Was im Sommer erworben wurde, darf im Winter nicht raſten und roſten“— ſagt Jahn. **) Was dabei an Schulzeit durch das Turnen eingebüßt wird, wird an geiſtiger und körperlicher Friſche wie⸗ der gewonnen.
*r) Bock a. a. O. p. 135 ſagt:„Der regelmäßige Wechſel von Thätigſein und Ruhen der Organe und Gewebe fördert den Stoffenwechſel in denſelben; zu langes und angeſtrengtes Arbeiten ſtört ebenſo wie andauerndes Nichtsthun.“—„Allmählig an Dauer und Stärke ſich ſteigerndes Thätigſein mit den gehörigen Pauſen kräftigt und macht die Gewebe zu ihrer Funktion immer geſchickter. Alle körperliche und geiſtige Erziehung beruht hierauf.“


