Aufsatz 
Die häuslichen Arbeiten. Statistisches
Entstehung
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Ich erlaube mir, einfach zu erzählen, Was wir in unſerem Kreiſe verſucht haben, dieſem Ziele einen Schritt näher zu treten.

Von dem Streben geleitet, die häuslichen Aufgaben möglichſt zu beſchränken, bewog ich ſchon 1855 meine Kollegen, den Gegenſtand in einer beſonderen Sitzung zu berathen, und wir beſtimmten damals folgende Punkte:

1. Rückſichtlich der Kinder iſt zu beachten:

a) die Jahreszeit: im Sommer darf weniger, im Winter mehr Arbeit gefordert werden, weil zur Winterzeit die Witterung weniger Spielen im Freien erlaubt ꝛc.

b das Alter: dem zarten Kindesalter ſchadet Ueberanſtrengung mehr, als dem ſpäteren. Darum muß Unterſtufe, Mittelſtufe und Oberſtufe unterſchieden werden.

2. Rückſichtlich der Wiſſenſchaften iſt zu beachten, daß den Unterrichtsgegenſtänden, bei welchen das Wiſſen vorherrſcht, weniger denen, bei welchen das Können überwiegt, mehr Zeit eingeräumt werden muß.

Hiernach theilten wir dann Zeit und Arbeit ein.

Sommer Winter Unterſtufe 1 Stunde täglich, Unterſtufe 1 ½ Stunden täglich, Mittelſtufe 1 ½ Stunde täglich, Mittelſtufe 2 Oberſtufe 2 5 7 Oberſtufe 2 ½

Dieſe Stundenzahl wurde ſummirt uand dann z. B. für die Oberſtufe, wie folgt, vertheilt. Deutſch 4 Stunden wöchentlich, Franzöſiſch 4, Engliſch 3, Geographie 2, Geſchichte 1, Natur⸗ lehre ½.

Bald jedoch bemerkten wir, daß die geſteckten Grenzen theils weit überſchritten, theils nicht erreicht wurden: wir irrten augenſcheinlich, trotz aller Gewiſſenhaftigkeit, in der Abſchätzung des Zeitmaßes für jede Arbeit. Um wenigſtens auf dem Erfahrungswege unſer Urtheil beſtimmter zu machen, richteten wir Arbeitsſtunden ein, und erſchraken, als wir die Kinder unter unſern Augen arbeiten ſahen, nicht ſelten über die Laſt, welche wir ihnen gegen unſeren beſten Willen aufgebürdet hatten. Faſt in jeder Konferenz wiederholte ſich die Mahnung:Weniger aufgeben! Aber zu einer ſicheren Handhabung unſeres eigenen Geſetzes gelangten wir nicht.

Dazu kam noch die Ueberlegung, daß auch ſelbſt die feſtgeſetzte Summe zu groß ſei. Sechs Stunden Unterricht und faſt 3 für Aufgaben iſt Ueberbürdung, vollends wenn man außerdem Muſik⸗ und ſonſtige Privatſtunden nebſt den Anforderungen der Familie auf Hülfeleiſtungen ꝛc. hinzurechnet. Daß es in anderen Schulen noch weit ſchlimmer ſei: 78 Unterrichtsſtunden und ſchrankenloſe häusliche Aufgaben, war ein troſtloſer Troſt, und trieb uns zu immer neuen An⸗ ſtrengungen, dem Uebel gründlich beizukommen. Auch die Methode des Unterrichts wurde von dieſem Standpunkte aus ſorgfältiger unterſucht.

Wenn eine Nation Jahrhunderte hindurch mit Hülfe häuslicher Aufgaben unterrichtet hat, dann nimmt dadurch die ganze Lehrweiſe nothwendig einen beſtimmten Karakter an. Sprachunter⸗ richt 3 B. ſcheint ohne Präparation, Repetition, häusliches Memoriren, ſchriftliche Ueberſetzungen ꝛc.

nicht moͤglich, und man hält ſchließlich für Natur, Was doch nur Gewohnheit war.