Aufsatz 
Die Methoden des Unterrichts
Entstehung
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Botanik und Zoologie lernen, als das Stadtkind, und dieſes leichter abſtrakte Wiſſenſchaften. Darum ſollte man z. B. die Geographie ſtets mit der Heimatskunde beginnen, und auf ſprachlichem Gebiete zuerſt Engliſch, dann Franzöſiſch, Italieniſch, Lateiniſch lehren nicht umgekehrt.

Rückſichtlich des Lernenden liegt hierin die Forderung: Der Unterricht muß eine

Fortſetzung der Erfahrung ſein, und ſich alſo an die Erfahrungsbegriffe, des Kindes möglichſt genau anſchließen. Der Unterricht ſoll organiſch ſein, d. h. die einzelnen Theile jedes Lehr⸗ gegenſtandes nach ihrem inneren Zuſammenhangebetrachten, in Gruppen zuſammenſtellen, und ſchließlich auch auf den Zuſammenhang aller Wiſſen⸗ ſchaften hindeuten. Nur das klar Durchſchaute und Erkannte wird völlig unſer geiſtiges Eigenthum. Eine Menge vereinzelter Kenntniſſe erzeugt höchſtens wüſtes Vielwiſſen, aber keine harmoniſche Geiſtesbildung. Auch beherſchen und anwenden läßt ſich eine Vielheit erſt dann, wann ſie geordnet und verbunden vor uns ſteht, wie wir Dies am Augenfälligſten aus der militäriſchen Taktik erfahren können.

Mit Hinblick auf den Lernenden heißt Das: Der Unterricht muß entwickelnd ſein

d. h. die durch Erfahrung und Belehrung in der Seele des Kindes erzeug⸗ ten Vorſtellungsmaſſen läutern und ordnen. Der Unterricht ſoll lebendig ſein. Durch Bücher lernt es ſich bekanntlich nicht ſo gut, wie durch Lehrer, weil die Bücher etwas Todtes ſind. Je lebendiger alſo der Unterricht des Lehrers iſt, deſto höher ſteht er über der Bücherunterweiſung, je todter, deſto weniger hoch. Den Grad der Lebendigkeit beſtimmt allerdings die Individualität, aber der allgemeinen Forderung wird genügt, wenn der Lehrer mit Geiſt und Herz arbeitet. Wer den Unterricht als Nebenſache betrachtet, ſollte ſich einen andern Lebensberuf wählen: als Lehrer wird er ebenſo ſehr ſich ſelbſt wie den Schülern eine Laſt ſein. Man hat wohl geſagt, Luſt und Liebe ſei die beſte Unterrichtsmethode, und ſo ſchwärmeriſch, unpädagogiſch Das auch ſein mag, wird doch die Pädagogik gern unterſchreiben, daß alle Methoden durch Luſt und Liebe erſt Leben empfangen.

Auf den Lernenden angewandt, heißt dieſer Grundſatz: Der Unterricht muß inte⸗ reſſant ſein, d. h. die Selbſtthätigkeit des Kindes wecken. Auch der trockenſte Gegenſtand wird dem Schüler intereſſant werden, wenn es gelingt, die Selbſtthätigkeit des⸗ ſelben dafür zu gewinnen. Wer nicht das innere Leben des Lernenden beim Unterrichte zu erfaſſen verſteht, wird ſtets mit Unaufmerkſamkeit zu kämpfen haben, und ſelten ein genügendes Ziel erreichen.

Der Unterricht ſoll harmoniſch ſein, d. h. nicht das Eine über dem Andern verſaumen. Dem Theoretiſchen wie dem Praktiſchen, der Einſeitigkeit und Vielſeitigkeit, dem Leichten und Schweren, dem Geben und Nehmen, der Anknüpfung der Syſtematik, dem Intereſſe der geiſtigen wie der körperlichen Ausbildung iſt gleiches pädagogiſches Recht zuzu⸗ meſſen. Jede Lehrſtunde muß ein didaktiſches Kunſtwerk ſein, d. h. ein wohl erwogener Wechſel von paſſivem und aktivem Aufnehmen, von Einſehen und Anwenden, von Vertiefen und Be⸗ ſinnen, und, da die Natur mancher Gegenſtände das Vorwiegen der einen oder der andern