4
nicht umgekehrt. Theorie, welche gar nicht oder nur auf ſich ſelbſt angewendet werden kann, iſt ein Unding, ein Geſpenſt, oder gehört in das Bereich des wunderlichen Gemiſches von Weis⸗ heit und Thorheit, welches man Gelehrſamkeit nennt.
Auf die Seele des Lernenden angewandt, heißen dieſe beiden Sätze: Sowohl Wiſſen wie Können ſollen durch den Unterrichterzielt werden; aber das Können ſteht höher als das Wiſſen.
3) Der Unterricht muß vonderEinſeitigkeit zur Vielſeitigkeit hinüberführen.
Auch die Lehrgegenſtände laſſen ſich mit dem bekannten Pfeilbündel vergleichen. Erſt die Elemente, und dann die Wiſſenſchaft! Und ebenſo mit den verſchiedenen Wiſſenſchaften! Alſo z. B. erſt eine Sprache, dann die zweite, dann die dritte u. ſ. f.
4) Der Unterricht muß vom Leichten zum Schweren fortſchreiten. Jede Kraft wächſt durch Uebung; auch ein Athlet beginnt mit geringen Anſtrengungen. Von einer Wiſſenſchaft darf dem Kinde alſo nicht zunächſt der erſte Abſchnitt gelehrt werden, dann der zweite, dritte u. ſ. f.; ſondern Anfangs das Ganze in einfachſter Darſtellung, dann Dasſelbe komplizirter, und endlich vollſtändig. Eine Grammatik z. B., welche durch die ganze Schule geht, iſt eine unpädagogiſche— ſie muß, um ihren Zweck zu erfüllen, aus zwei oder drei konzentriſch bearbeiteten Theilen beſtehen.
Auf die Seele des Kindes angewandt heißt Dies: Das Wiſfen und Können des Kindes ſoll ſich konzentriſch erweitern, und bei jedem Kreiſe erſt die Ele⸗ mente und dann das Ganze erfaſſen.
5) Der Unterricht muß die Kenntniſſe theils geben, theils ſie ſuchen laſſen. Bloßes Lehren bereichert zwar den Geiſt, macht ihn aber ſchwach,— bloßes Suchenlaſſen macht ihn zwar ſtark, läßt ihn aber zugleich auch arm. Wir ſtehen geiſtig auf den Schultern unſerer Vor⸗ fahren’, weil wir die poſitiven Kenntniſſe empfangen, welche ſie uns hinterließen. Niemand wird einen Knaben z. B. zum Chemiker bilden können, indem er ihn die Theorie lediglich durch Experimente finden läßt. Im glücklichſten Falle reichte doch die Lebenszeit nicht dazu aus. Ebenſowenig kann der Schüler aus dem Leſebuche die Grammatik abſtrahiren; das hieße, ihm einen Denkproceß zumuthen, welcher von den namhafteſten Forſchern in mehr als tauſend Jahren noch nicht vollendet worden iſt. Am Wenigſten aber wird er die aufgefundenen Sprach⸗ geſetze in klare, feſte, beſtimmte Regeln formuliren, und ſomit lern- und anwendbar machen können. Man irrt oft Tage lang in einem Walde umher, den man an der Hand des Führers in wenigen Stunden durchſchritten hatte.
Aber freilich gilt auch hier der Grundſatz: Geiſteskraft iſt wichtiger, als Geiſtesbildung, und folglich das Forſchen wichtiger als das Lernen.
Mit Bezug auf den Lernenden geht daraus die Forderung hervor: Der Unterricht ſoll das Kind zum paſſiven Auffaſſen(Lernen) und zum aktiven Auf⸗ faſſen(Aufſuchen) anleiten, oder— nach Herbart's Terminologie— zum Ver— tiefen und Beſinnen.
6. Der Unterricht muß das Unbekannte an das Bekannte knüpfen. Das Kind, welches auf dem Lande erzogen iſt, und täglich Pflanzen und Thiere beobachtete, wird leichter


