3
ſchreiten, ſo würde man das zu der behandelten Sache gehörende rechts und links ſich Ausdehnende unberückſichtigt laſſen, und alſo ungenetiſch verfahren, d. h. Unverſtandenes, welches erſt durch die Nebenpartieen erhellt wird, lehren. Schritte man aber nicht eher vorwärts, als bis die ganze Breite des Gegenſtandes durchforſcht iſt, dann würde der Unterricht ſtatt ſchulmäßig hoch wiſſenſchaftlich, und dennoch nicht genetiſch, weil die linke Seite nicht ohne Kenntniß der rechten und umgekehrt verſtanden werden kann. Nur Unverſtandenes oder h auptſäͤchlich Unverſtandenes zu lehren, wie es die modernſte Lehrweiſe, im diametralen Gegenſatze zu Mager, anrathen möchte, iſt eine Sünde gegen Pädagogik und Nationalwohl; aber daß auch Unverſtandenes mitgetheilt werden dürfe, ſagt uns ſchon die Natur, indem es ihren Geſetzen nach nicht anders möglich iſt, und indem ſie uns zur Abhülfe das Gedachtniß verlieh. Da nämlich die Wiederholung der außern Anſchauungen nicht im⸗ mer zu bewerkſtelligen iſt, ſo wiederholen wir ſie innerlich, d. h. wir betrachten die in unſer Ge⸗ dächtniß aufgenommenen Anſchauungen aber und aber, bis ſie uns allmälig klar werden. Kein Den⸗ ken ohne Nachdenken! Wollte man einem Volke erſt dann konſtitutionelle Begriffe mittheilen, wenn es klar darüber iſt, ſo bliebe es ewig unmündig. Dem Nichtſchulmann wird anfangs mancher Lehr⸗ ſatz der Padagogik dunkel oder unverſtandlich erſcheinen, aber Das kann ihn, ſofern er die Jugend und überhaupt Volks⸗ und Menſchenwohl liebt, nicht abhalten, gelegentlich eine padagogiſche Vor⸗ leſung zu hören oder ein derartiges Buch zu leſen.
So vermochte denn, folgerichtig, weder die theoretiſche, noch die praktiſche, noch die genetiſche Me⸗ thode zu allgemeiner Geltung und Anwendung zu gelangen, und jede Schule, welche ſich der einen oder andern dieſer Richtungen hingibt, iſt faſt ebenſo übel berathen, als hätte ſie gar keine Methode. Dem Lehrer bleibt demnach Nichts übrig, als, nach Kenntnißnahme von ſämtlichen Methoden, das für die ſpeziellen Verhältniſſe ſeiner Schule Förderliche auszuwählen: er muß nach der natürlich⸗ ſten Methode ſuchen.
Die meiſten der übrigen Methoden waren nur Elemente dieſer natürlichen Methode.
Wiewohl an und für ſich richtig, wirkten ſie doch unrichtig, weil ſie ſich für ein Ganzes hielten. Es hängt Dies mit der Syſtemſucht früherer, philoſophirender Zeiten zuſammen.
Die natürliche Methode trägt ſamtlichen Faktoren des Unterrichts: dem Lernenden, dem Ge⸗ genſtande und dem Lehrenden, Rechnung, und kommt auf dieſem Wege, mit ſtrengem Anſchluß an die Geſetze der Natur, zu folgenden Axiomen.
1) Der Unterricht ſoll theoretiſch und praktiſch ſein. Bloße Theorie iſt todtes Wiſſen— bloße Praxis ſtumpfſinnige Barbarei. Wohin Nationen durch die Erſtere gebracht werden, hat man durch Byzantinismus, Alexandrinismus ꝛc. bezeichnet, und die Wirkung des Letzteren laßt ſich allenthalben an Naturvölkern beobachten, welche Jahrtauſende hindurch auf dieſelbe Weiſe Pfeil und Bogen ſchnitzen und ihre elenden Hütten bauen. Das Handwerk ohne Wiſſenſchaft hätte uns nie Maſchinen, Eiſenbahnen, Telegraphen u. ſ. w. gebracht. Wollen wir die hiſtoriſche Verkörperung unſeres Lehrſatzes ſehen, ſo brauchen wir den Blick nur nach England und der Schweiz zu wenden. Da iſt Theorie und Praxis in naturgemäßem Bunde.
2) Auf die praktiſche Seite des Unterrichts iſt mehr Zeit und Sorgfalt zu
verwenden, als auf die Theorie. Die Theorie iſt überall nur der Praxis wegen da— 1*


