Aufsatz 
Die Methoden des Unterrichts
Entstehung
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Methodiker, z. B. das franzöſiſche Kind nicht durch Dekliniren und Konjugiren Franzöſiſch, noch durch Regeln, ſondern durch wiederholtes Verſuchen, durch die Rede, durch den Gebrauch; und der Unterricht ſtellte ſich augenblicklich auf den breiten ſicheren Boden der Uebung. Die Grammatik verſchwand. Man verſuchte durch Lektüre mit Interlinearüberſetzung oder mündlicher Erklärung oder durch Sprachbücher zu lernen, und leiſtete nicht Unbedeutendes, ohne jedoch zu dem ſelbſtgeſteckten Ziele zu gelangen. Die Vertreter dieſer Richtung überſahen, daß die Uebung tauſendfältige Wieder⸗ holung und alſo viel Zeit fordert, um zu Sicherheit und Klarheit zu gelangen, und daß z. B. vier wöchentliche Lehrſtunden für Franzöſiſch oder Engliſch im ganzen Schuljahre höchſtens 14 Tage aus⸗ machen, wahrend ein engliſches oder franzöſiſches Kind jährlich 365 Tage zur Uebung in ſeiner Mutterſprache benutzt eine Uebung, die noch dazu, weil ununterbrochen, viel energiſcher und nach⸗ haltiger wirkt. Die praktiſche Methode war genau betrachtet, entſchieden unpraktiſch, wenigſtens für die Schule. Leben und Schule ſind ſo grundverſchieden, daß ſie zwar für einander wirken, aber nicht ineinander aufgehen können. Das Leben wird ſich nie in eine Schule verwandeln laſſen. Das ginge noch weit über Byzantinismus und Braminenthum hinaus, und wäre abſolut unnatürlich. Ebenſo unnatürlich und unmöglich iſt das Seitenſtück: Verwandlung der Schule in öffentliches Leben. Jedes Extrem ſchadet, vollends im Jugendunterricht. Die excluſiv theoretiſchen oder praktiſchen Me⸗ thoden, mochten ſie immerhin aus ernſtem Nachdenken und menſchenfreundlicher Begeiſterung her⸗ vorgegangen ſein, trugen mehr zur Belaſtung als Entlaſtung der Jugend und zur Verhinderung einer umfaſſenden, richtigen Nationalbildung bei. Das hat Niemand mit ſchärferem Blicke durchſchaut und mit mächtigerem Worte dargeſtellt als Dr. Mager. Vor der unerbittlichen Kritik, welche er in ſeiner Pädagogiſchen Revue und in ſeinem epochemachenden BucheDie genetiſche Methode des ſchul⸗ mäßigen Unterrichts in fremden Sprachen übte, beſtand keine der bisherigen Methoden. Er ver⸗ langte, daß man nicht nach Methoden, ſondern nach der Methode ſuchen ſolle: es könne nur eine geben, eine richtige. Und dieſe Univerſalmethode glaubte er in der Geneſis des Unterrichts⸗ gegenſtandes gefunden zu haben. Jeder Unterricht ſollte nämlich, von einem beſtimmten feſten Punkte anhebend, Alles vor dem Auge des Schülers entfalten, ihm nichts Unverſtandenes bieten, lückenlos fortſchreiten und ſo, das Lernen in Einſicht verwandelnd, die größte Sicherheit erzielen. Praktiſch alſo glaubte er zu ſein, und theoretiſch war er, indem mit dem Stoffe zugleich die Regel entwickelt wurde. Ohne Zweifel iſt die genetiſche Methode die idealſte Auffaſſung des Unterrichtsweſens, und ſtellt Mager mit in die Reihe der ſtrebſamſten Geiſter Deutſchlands, aber genügen konnte ſie der Nation nicht, weil auch ſie an Einſeitigkeit leidet. Mager vergaß, indem er nur den Gegenſtand des Unterrichts betrachtete, die übrigen Factoren: den Lernenden und den Lehrenden, mit in Rechnung zu bringen. Auch die vollkommenſte Methode paßt nicht für jedes Lebensalter und jedes Individuum. Der genetiſche Unterricht kann nur dann wirken, Was er wirken ſoll, wenn alle Schüler alles Vor⸗ getragene verſtanden haben. Das aber iſt nach den Erfahrungen über die menſchliche Seele unmög⸗ lich. Theils muß jede Anſchauung bei einem Individuum mehr, bei dem andern weniger, wiederholt werden, ſoll ſie den nöthigen Grad der Klarheit erlangen; ja zuweilen geſchieht Dies nur nach jahre⸗ langen Zwiſchenräumen, nachdem der Geiſt gewandter, die Erfahrung größer geworden iſt; theils ſteht Nichts ſo iſolirt in der Schöpfung, folglich auch nicht im Unterrichte da, daß es für ſich be⸗ trachtet und verſtanden werden könnte. Wollte man von einem gegebenen Punkte kontinnirlich fort⸗