Aufsatz 
Das unnatürliche und das natürliche Lehrpinzip und die aus denselben hergeleiteten Methoden des Treffunterrichtes nach Noten in Schulen / von Armin Früh
Entstehung
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ohne von ſeiner Deutlichkeit etwas einzubüßen, ſich noch in eine Verbindung mit Zuſätzen einläßt. Denn ſie hat in einunddemſelben Notenbilde jedesmal zwei verſchiedene Angaben auszudrücken, eine für den Ton und eine für die Zeitdauer deſſelben. Zu dieſer Verbindung nun eignete ſich von vornherein nur der Notenkopf, aber nicht die Ziffer; und darin liegt einer der Hauptgründe, weßhalb der muſikaliſche Schriftausdruck ſich an den Notenkopf gehalten hat und nicht an die Ziffer.

Aus dem hier Geſagten geht auf den erſten Blick hervor, daß die Zifferſchrift nicht im Entfernteſten in der Lage iſt, ſich mit der Notenſchrift meſſen zu können. Sie iſt ein ganz außer⸗ halb der Kunſtentwickelung liegender Verſuch, ein in der Verlegenheit erſchaffener Nothbehelf, ein unhaltbares Flickwerk, das bei den Bauleuten der Kunſt immer ohne Anerkennung, in der Schule ohne den rechten Erfolg, und im Geſangsleben des Volkes ohne eigentliche Nachwirkung geblieben iſt. Eine tiefer in die Sache eingehende Vergleichung der beiden Tonſchriften, Ziffer⸗ und Noten⸗ ſchrift, erſcheint hiernach nicht geboten und kann daher füglichſt übergangen werden.

Dagegen wird es ſich der Mühe verlohnen, den Grund und die Urſachen aufzuſuchen, welche jene Freunde und Vertreter der Zifferſchrift vor circa 50 Jahren bewegen mochte, in ſo entſchiedener Weiſe gegen den Treffunterricht nach Noten aufzutreten und vorzugehen. Es ſteht zu höoffen, daß ſich aus dieſer Unterſuchung eine für unſern Hauptzweck recht nutzbare Schluß⸗ folgerung machen laſſen wird.

In dem Werthe der Notenſchrift konnte dieſer Grund unmöglich liegen, ob man ſich gegen ſie oder für ſie erklärte. Aenderte ſich doch auch in der Qualität der Weintrauben nichts, welche der Fuchs dort in der Fabel verſchmähte, nur weil ſie ihm zu hoch hingen, und er ihrer nicht habhaft werden konnte. Wäre das methodiſche Lehrverfahren, auf welches die Schule mit Recht ein Hauptgewicht legt, nur einigermaßen ſicher und zuverläſſig oder doch wenigſtens hoffnung⸗ gebend geweſen, warum hätte denn in dieſem Falle die Notenſchrift nicht in der Schule belaſſen werden können? Jene Männer ſuchten ja eine brauchbare Schrift, aber ſie ſuchten mit noch viel größerer Gewiſſenhaftigkeit eine brauchbare Treffmethode. Sie hatten von der Aufgabe des Geſang unterrichtes der Schule überhaupt keine niedrigen Begriffe. Von der Ueberzeugung ausgehend, daß neben der Bildung des Verſtandes die Bildung des Herzens und des Gemüthes nicht ver⸗ nachläſſigt werden dürfe, betrachteten ſie den Geſangunterricht als einen wichtigen Theil des Schulunterrichtes, weil ſie wohl wußten, welch einen reichen Bildungsſtoff derſelbe der menſch⸗ lichen Seele zuführt und wieviel dieſe entbehrt, wenn ſie keinen lebendigen Antheil am Geſange nimmt. Ebendarum wollten ſie aber auch dieſes Fach mit Gewiſſenhaftigkeit betrieben haben; denn ſie hatten nebenbei noch die praktiſche Einſicht, daß die Schüler nur durch Singen nach einer Muſikſchrift auf eigenen Füßen ſtehen lernen, nicht durch bloßes Singen nach dem Gehöre, und daß es ein unverantwortliches Unrecht iſt, ein ſo wichtiges Bildungselement, wie den Ge ſang, der methodiſchen Willkühr preiszugeben.

Welche von den vorhandenen Treffunterrichtsmethoden nach Noten wählten ſich nun jene Männer für ihre Schulzwecke aus? Keine von allen. Warum? Weil es keine ſolche brauch⸗ bare Methode gab. Alles, was Methode hieß, erwies ſich bei genauerer Unterſuchung ſo unzureichend und ſo untauglich, daß ſie im Eifer lieber auf die Notenſchrift Verzicht leiſten wollten, ehe ſie die Entſchließung gefaßt hätten, eine von dieſen ſogenannten Methoden zu der ihrigen zu machen und ihr dadurch den Stempel der Brauchbarkeit aufzudrücken. Für den Zweck unſerer Beſprechung