— 2—
ſtände zu gewinnen, und zwar auf einem einheitlichen Boden, der beiden zur gemeinſchaftlichen Grundlage dient und von wo aus ſie ſich als zwei verſchiedene Ausläufer darſtellen. Dieſen Boden kann nur die Notenſchrift bilden. Dieſelbe läßt ſich entweder als Ziel der Production oder als Anfang der Reproduction auffaſſen. Für unſern Zweck kommt nur die letztgenannte Seite in Betracht. Hiernach definirt ſich ihr Zweck durch die Uebertragung der Noten in die damit gemeinten Töne. Zur Erreichung dieſes Zweckes ſtellt die Notenſchrift gewiſſe Bedingungen und Forderungen auf, nach deren Erfüllung oder Nichterfüllung alsdann der Werth und die Bedeutung des einen wie des andern Lehrprincipes ſowie deren Methoden ſich leicht beurtheilen laſſen wird.
Demgemäß werden wir alſo zunächſt die Frage zu erörtern haben: Welchen Sinn und welche Bedeutung hat die Notenſchrift?
Dieſe Frage läßt ſich nicht beſſer beantworten, als wenn wir einen kurzen Ueberblick geben über die kunſtgeſchichtliche Entwickelung und Ausbildung derſelben.
Zuverläſſigen Nachrichten zufolge reicht die Notenſchrift mit ihren erſten Anfängen in jene Periode der ſogenannten Gregorianiſchen Neumenſchrift hinein und knüpft ſich naturgemäß an den Eintritt einer Liniatur. Etwa gegen das 9. Jahrhundert erſcheint nehmlich die genannte Neumenſchrift, eine im Ganzen aus 28 verſchieden geformten Strichelchen, Pünktchen und Häkchen beſtehende Muſikſchrift, wenngleich nur neben dem kirchlichen Gebrauche, in Verbindung mit zwei horizontal über dem Worttexte fortlaufenden Linien, einer rothen für den Ton f, und einer gelben für den Ton c. Dieſe Liniatur hatte offenbar den Zweck, die Verdeutlichung der Neumengeſtalten zu erhöhen. Im 11. Jahrhunderte fügte Guido Aretinus aus demſelben Grunde unterhalb einer jeden dieſer beiden Linien noch eine ſchwarze hinzu; nicht lange nachher erſchienen alle vier Linien ſchwarz, und aus der Zahl der Neumen ging das ſogenannte einfache Punktum, das nur für einen kurzen Ton galt, in eine vergrößerte Geſtalt über und diente zur Bezeichnung für alle übrigen Töne oder Tonverhältniſſe. Es iſt dies unſer heutiger Notenkopf. Nach der gewöhnlichen Annahme tritt er zuerſt am Ende der Kreuzzüge auf. Die Geſchichte knüpft an ſeine Erfindung keine Namen. Vermuthlich war er eine Schöpfung vieler Männer zugleich, welche die Nachwelt vergeſſen hat.
Es würde kaum glaublich ſein, wenn es nicht die Kunſtgeſchichte der Muſik auf jedem Blatte lehrte, wie weſentliche Dienſte der bloße Notenkopf, der ſimple Dintenklex der muſicaliſchen Kunſt⸗ entwickelung geleiſtet und welchen überaus mächtigen Aufſchwung er in dieſes Gebiet gebracht hat. Der Notenkopf— ſo lange Jahrhunderte vergeblich geſucht, endlich gefunden— er enthielt den wahren Keim, die geſunde Wurzel zu dem Wunderbaume der noch in geheimnißvolles Dunkel eingehüllten Tonkunſt. Einmal zur Anwendung gelangt, erwies er ſich ſogleich nach allen Seiten hin gefügig und ausgiebig. Der Tonſatz gewann feſten Grund und Boden. Der aufgezeichnete Stoff ward alsbald akuſtiſch geprüft und rief die Anfänge einer Wohlklangstheorie hervor. Die Wohlklangstheorie forderte zu Schriftverbeſſerungen auf, und ſo half Eins dem Andern und führte, ſo ſchwach die Fortſchritte auch ſein mochten, neue Verſuche und neue Entdeckungen herbei. Kaum war die anfängliche Ordnung der Dinge einigermaßen begründet, als ſich die Notenſchrift über die ſprachlichen Längen und Kürzen der Silben hinaus ſelbſtſtändig formirte und ſich in immer mannichfachere Zeitmaße zu erweitern begann. In gleicher Weiſe fuhren Lehrer des Tonſatzes,


