Aufsatz 
Eigenart und Bedeutung der Dichtung und der Persönlichkeit Goethes. Schulrede
Entstehung
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der Dichter ſein Inneres wiedergeſpiegelt hat: er ſelbſt war beſſer und größer als dieſe Geſtalten, und als er ſie ſchuf, hatte er ſich ſchon von den Leidenſchaften und Schwächen, durch die ſie zu Grunde gehen, befreit und gereinigt.

Soll ich noch einzelne ſittliche Charakterzüge Geethes anführen, die er in ſeinem Leben wie in ſeinem Dichten bewährt yat, ſo müßte ich vor allem ſeine Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit nennen, ſeine Milde des Urteils, die alles begreift und alles verzeiht, ſeine neidloſe Anerkennung fremden Verdienſtes und Bewunderung alles Großen, ſeine Uneigennützigkeit und Wohlthätigkeit. Neben dieſen Tugenden ſtehen Mängel und Schwächen, denn auch er war nur ein Menſch; aber ich will ſie heute nicht nennen und be⸗ ſprechen; ſie ſind ja auch zu unſerer Beſchämung ſei es geſagt allgemeiner bekannt als ſeine ſittlichen Vorzüge und werden öfter geſcholten als dieſe Anerkennung finden. Wir wollen nur eins nicht vergeſſen: daß dieſe Schwächen oft nur die Kehrſeite ſeiner Tugenden und Vor⸗ züge ſind, im beſondern daß der Dichter von Natur ein viel leidenſchaftlicheres Empfinden und eine leichter erregbare Phantaſie beſaß und alſo viel mehr der Verſuchung und Verirrung ausge⸗ ſetzt war als wir gewöhnlichen Menſchen.

Alſo noch einmal: er war kein Heiliger und Gott ſelbſt hatte ihn nicht dazu beſtimmt; aber er hat mit dem Pfunde, das Gott ihm vertraut hatte, redlich gewuchert, er hat ſeine hohen Gaben nicht in Trägheit und Genußſucht vergeudet, ſondern hat ſie gepflegt und entwickelt und tauſendfältig Früchte tragen laſſen; er iſt ein treuer Arbeiter im Weinberge des Herrn geweſen. In dieſem Sinne dürfen wir ihn eine große und für uns vorbildliche ſittliche Perſönlichkeit nennen, und wenn fromnm ſein heißt: ein höheres Weſen über uns anerkennen, Gott und alles Göttliche andächtig und dankbar verehren und in ſeinen Willen ſtill uns ergeben, ſo war Goethe auch ein frommer Mann. Wir wiſſen auch, wie lieb und werth ihm die Bibel war, der er faſt allein ſeine ſittliche Jugendbildung zu verdanken glaubte; und beſonders in den Evangelien ſah er den Abglanz einer Hoheit ſo gött⸗ licher Art, wie nur je das Göttliche auf Erden erſchienen ſei. Und weiter hat er bekannt: Fragt man mich, ob es in meiner Natur ſei, Chriſtus anbetende Ehrfurcht zu erweiſen, ſo ſage ich: durchaus! Ich beuge mich vor ihm als der göttlichen Offenbarung des höchſten Prinzips der Sittlichkeit. Und mag die geiſtige Kultur immer fortſchreiten, mögen die Naturwiſſenſchaften in immer breiterer Ausdehnung und in die Tiefe wachſen und der menſchliche Geiſt ſich erweitern, wie er will; über die Hoheit und ſittliche Kultur des Chriſtentums, wie es in den Evangelien ſchim⸗ mert und leuchtet, wird er nicht hinauskommen.

Wem ſolche und ähnliche Zeugniſſe aus des Dichters Munde noch nicht genügen, wen auch die Betrachtung ſeines ganzen Lebens nicht belehrt, wer noch fremden Zeugniſſes über die Perſönlichkeit Goethes bedarf, der halte ſich an das Urteil derjenigen ſeiner Zeitgenoſſen, die ihn durch langjährigen perſönlichen Um⸗ gang am genaueſten kannten, und achte nicht auf den Klatſch ſeiner Feinde und Neider. Was Goethe lebe, ſei noch beſſer als was er dichte, urteilte der Darmſtädter Merck, und Knebel erklärte:Ich weiß es wohl, er iſt nicht allezeit liebenswürdig. Er hat widrige Seiten. Ich habe ſie wohl erfahren. Aber die Summe des Menſchen zuſammengenommen iſt unendlich gut. Und als Schiller im Jahre 1787 nach Weimar kam, hörte er von Herder, daß er Goethe mit Leidenſchaft, mit einer Art Vergötterung liebe; daß dieſer einen klaren, univerſalen Verſtand, das wahrſte und innigſte Gefühl, die größte Reinheit des Herzens beſitze, und daß er ebenſo und noch mehr als Staatsmann und Beamter denn als Dichter bewundert zu werden verdiene. Und auch ſehr viele andere Menſchen in Weimar hörte Schiller den Dichter mit einer Art von Anbetung nennen und mehr noch als Menſchen denn als Schriftſteller bewundern. Am