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ſchwerſten aber fällt für uns Schillers eigenes Urteil über Goethes ſittlichen Charakter in's Gewicht, nicht nur, weil über die Reinheit der Geſinnung und die Urteilsfähigkeit dieſes edlen Mannes kein Zweifel beſteht, ſondern auch weil Schiller, wie ſo mancher andere, auch heute, vor ſeiner genaueren Bekanntſchaft mit Goethe in einem Vorurteil gegen ihn befangen war. Im Jahre 1789 meinte er:„Oefters um Goethe zu ſein würde mich unglücklich machen. Er beſitzt das Talent die Menſchen zu feſſeln, aber ſich ſelbſt weiß er immer frei zu behalten. Er macht ſeine Exiſtenz wohlthätig kund, aber nur wie ein Gott, ohne ſich ſelbſt zu geben. Ich glaube in der That, er iſt ein Egoiſt in ungewöhnlichem Grade. Mir iſt er dadurch verhaßt, ob ich gleich ſeinen Geiſt von ganzem Herzen liebe und groß von ihm denke.“ Aber im Jahre 1800 urteilte er alſo:„Die Bekanntſchaft mit Goethe halte ich für das wohlthätigſte Ereignis meiues ganzen Lebens. Nach meiner innigſten Ueberzeugung kommt kein anderer Dichter ihm an Tiefe der Empfindung und Zartheit derſelben, an Natur und Wahrheit und zugleich an hohem Kunſtverdienſte auch nur von weitem bei. Die Natur hat ihn reicher ausgeſtattet als irgend einen, der nach Shakeſpeare aufgeſtanden iſt. Aber wenn er nicht als Menſch den größten Wert von allen hätte, die ich perſönlich je habe kennen lernen, ſo würde ich ſein Genie nur in der Ferne bewundern. Er hat eine hohe Wahrheit und Biederkeit in ſeiner Natur und den höch⸗ ſten Ernſt für das Rechte und Gute; drum haben ſich Schwätzer und Heuchler und Sophiſten in ſeiner Nähe immer übel befunden. Dieſe haſſen ihn, weil ſie ihn fürchten; und weil er das Falſche und Seichte im Leben und in der Wiſſenſchaft herzlich verachtet und den falſchen Schein verabſcheut, ſo muß er in der jetzigen bürgerlichen und litterariſchen Welt es mit vielen verderben.“
So ſteht es zum Teil auch noch heute. Wir aber wollen das echte Bild des Men⸗ ſchen Goethe erkennen und feſthalten und wollen es uns nicht beſudeln laſſen durch verſtändnis⸗ loſe und engherzige Seelen. Verſenkt euch immer mehr in die Schönheit und den Reichtum ſeines Lebens, erkennet den Ernſt und die Treue, die Stetigkeit und Unermüdlichkeit ſeines großen Wirkens, lernet die Weisheit und Geſundheit ſeiner Lebensanſchauung verſtehen, die zwiſchen idealiſtiſcher Verſtiegenheit und materialiſtiſcher Beſchränktheit die ſchöne Mitte hält, die mit feſten, markigen Knochen auf der wohlgegründeten, dauernden Erde ſteht und doch das Haupt zu Gottes Himmel emporgerichtet trägt, und lernet dieſe Weisheit im eigenen Leben und Wirken anwenden, zu cuerem Glück und zum Beſten der Geſamtheit. Aber ebenſo verſenkt euch immer wieder in die großen Dichtungen Goethes. Bildet euch nicht ein, ihr könntet ihre Schönheit und ihren innern Gehalt ſchon jetzt und mit einem Male völlig erkennen; laßt ſie euch vielmehr durch das Leben begleiten. Laßt euch durch ſie rühren und erheben und aus dem dumpfen Alltagsleben in die verklärte Welt der Schönheit und in das weite Reich der Phantaſie entführen, und genießet ſo ein erhöhtes, ein doppeltes Leben!


