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nuß betrügen, das ſei für mich der letzte Tag!“ ſo gewinnt Fauſt dieſe Wette, indem er allem egoiſtiſchen Genießen entſagt und ſich einer großartigen Thätigkeit für das Gemein⸗ wohl zuwendet, dem Meer durch Dämme Land abgewinnt und ein ſumpfiges Gebiet durch einen Kanal entwäſſert; denn ſeiner Weisheit letzter Schluß iſt:„Nur der verdient die Freiheit wie das Leben, der täglich ſie erobern muß.“ Und trotz allen Irrtums und aller Sünde wird er erlöſt und im Himmel willkommen geheißen, weil er immer ſtrebend ſich bemüht hat. Dieſer Fauſt iſt das getreueſte Abbild des Dichters ſelbſt.„Das Bedürfnis meiner Natur“, ſchreibt Goethe an ſeinen Freund Knebel,„zwingt mich zu einer vermannigfaltigten Thätigkeit, und ich würde in dem geringſten Dorfe und auf einer wüſten Inſel ebenſo betriebſam ſein müſſen, um nur zu leben.“ Ja, ſo ſtark und urſprünglich war dieſes Bedürfnis nach Thätigkeit in ihm, daß ſich darauf ſogar ſein Glaube an die Unſterblichkeit der Seele gründete. Denn er hat ein⸗ mal bekannt:„Die Ueberzeugung von unſerer Fortdauer entſpringt mir aus dem Begriff der Thätigkeit; denn wenn ich bis an mein Ende raſtlos fortwirke, ſo iſt die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daſeins anzuweiſen, wenn die jetzige meinem Geiſt nicht ferner auszu⸗ halten vermag.“ Und auch er glaubte einmal Einlaß in Gottes Himmel erwarten zu dürfen, denn er ſei„ein Menſch geweſen, und das heißt ein Kämpfer ſein.“
Dieſe Geſinnung und Lehre, die er mündlich und ſchriftlich immer wieder einſchärfte, hat er auch im Leben bewährt. Wie unermüdlich iſt ſeine dichteriſche und wiſſenſchaftliche Thätigkeit bis in’s höchſte Alter, wie zeigt ſie ſich auf immer neuen Gebieten und in neuen Formen und wie jugendlich friſch faſt bis zu den letzten Tagen! Wie hingebend treu und gewiſſenhaft war ſeine Amts⸗ führung, wie hat er den einmal übernommenen ſchweren Pflichten alles andere untergeordnet, Jahre lang ſelbſt ſein„ſchönſtes Glück, ſein poetiſches Sinnen und Schaffen“!
Denn daß wir an uns ſelbſt arbeiten, um fähiger zu werden für andere zu arbeiten, daß wir unſern Wünſchen eine Grenze ſetzen und auch auf Lieblings⸗ neigungen und»eſtrebungen und alle Phantaſieen Verzicht leiſten, die uns ablenken und irre führen, und daß wir uns auf das beſchränken, was unſeren Fähigkeiten und Ver⸗ hältniſſen gemäß iſt, kurz, daß wir uns ſelbſt überwinden und entſagen ſollen, ohne doch den Lebensmut und die Arbeitsfreudigkeit zu verlieren, das iſt die Zweite große Lehre und Mahnung der Goetheſchen Lebensweisheit. Und er ſelbſt hat ſchon früh Entſagung üben und die Wünſche des Herzens bekämpfen gelernt, ja er hatte, durch das Leben belehrt und von dem Vorbild ſeines Lieblingsphiloſophen Spinoza geleitet, grundſätzlich alle Anſprüche an das Leben und alles Glück, das von außen kommt, aufgegeben, um nur noch dankbar jeden günſtigen Augenblick, den ihm ein liebendes Geſchick gönnte, von Grund aus zu genießen. Es iſt ja auch nicht wahr, daß Goethe gleich den homeriſchen, ſeligen Göttern, gleich dem Olympier in ungetrübtem Glück und Seelenfrieden durch's Leben geſchritten ſei. Wer ſein Leben, ſeine Tagebücher und Briefe genauer kennt, der verſteht das Bekenntnis, das er als Greis abgelegt hat:„Man hat mich immer als einen vom Glück beſonders Begünſtigten geprieſen; auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht ſchelten. Allein im Grunde iſt es nichts als Mühe und Arbeit geweſen, und ich kann wohl ſagen, daß ich in meinen 75 Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt.“ Und mit welchem Ernſt er an ſich ſelbſt gearbeitet hat, wie ſehr er bemüht war, ſein Inneres zu reinigen und zu veredeln, ſeinen Geiſt zu bilden und zu vertiefen und ſo auch für ſeine Dichtung einen immer bedeuten⸗ deren Gehalt zu gewinnen, das beweiſt uns ſein ſtilles Kämpfen und Leiden während der erſten Jahre in Weimar, ſeine italieniſche Reiſe und die Freundſchaft mit Schiller; das zeigen uns auch ſo edle und ſittlich tüchtige Geſtalten wie Iphigenie, Eleonore von Eſte, Dorothea und Hermann. Und wenn wir wieder zurückdenken an Werther und Taſſo oder Weislingen, in denen


