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Forderung an den Dichter erfüllte, welchen Woyllaut und welche Melodie er ihr einzu⸗ hauchen verſtand, wie er das Zarte und das Gewaltige, das Schlichte und das Hohe mit gleicher Vollendung auszudrücken vermag, das werdet ihr heute ſelbſt empfunden haben, als ihr ſeine Balladen vortragen hörtet, oder weider. ihr fühlen, wenn ihr ſeine Lieder und Hyinnen⸗ den Taſſo und den Fauſt leſt.
3 Ich habe euch in dieſen flüchtigen Zügen eine Vorſtellung von der Eigenart der Goetheſchen Dichtung zu geben verſucht, ich habe als ihre Grundlage bezeichnet das innere Le ben des Dichters und die äußere Welt und als die geiſtigen Kräfte, die dieſen Stoff geſtalteten und formten, neben dem künſtleriſchen Geſchmack und Verſtande vor allem die Phantaſie und die Spr. achgew alt hervorgehoben. Unter dieſen Kennzeichen könnte man beſonders eines noch vermiſſen, das für eine breite und dauernde Wirkung eines Dichters unentbehrlich ſcheint: ich meine den ſittlichen Gehalt ſeiner Werke, die ſittliche Perſönlichkeit des Dichters ſelbſt. Wohl hat Goethe und ebenſo Schiller mit Recht jede beſtimmte und bewußte ſittliche, religiöſe oder politiſche Tendenz in einem reinen Kunſtwerk als ungehörig abgewieſen; aber da der Dichter uns ſein ganzes Innere enthüllt, da er Empfindungen und Gedanken, Thaten und Schickſale der Menſchen ausſpricht oder darſtellt, ſo muß darin zugleich ſein ſittlicher Charakter zum Ausdruck kommen und alſo irgend eine ſittliche Wirkung von ihm ausgehen. So leuchtet
Schillers ſtarke und edle Seele aus allen ſeinen Schriften hervor und hat befreiend und erhebend auf Tauſende gewirkt; ſo enthüllt ſich die Gemeinheit oder Frivolität der Kotzebue, Bürger oder Heine auch in ihren Schriften. Welchen ſittlichen Charakter hat nun Goethe gehabt, als Menſch und Dichter, und welche ſittliche Wirkung übt er aus? Ich darf dieſe wichtige Frage nicht ganz umgehen und kann ſie doch heute und vor euch noch weniger erſchöpfend behandeln, als die nach der Eigenart der Goetheſchen Dichtung. Um die Perſönlichkeit des Dichters recht zu verſtehen und zu werten, dazu gehört mehr Menſchenkenntnis und Welterfahrung, mehr Gerechtigkeit und Duldſamkeit und vor allem eine genauere Vertrautheit mit ſeinen Werken und ſeinem Leben, als ihr gegenwärtig beſitzt und als mancher beſaß, der ihn verunglimpft hat. Ich muß mich auf wenige Hauptpunkte beſchränken. ni
Goethe war kein Heiliger und hat nie den Anſpruch erhoben ein ſolcher zu ſein.
Er wollte ein ganzer, voller Menſch ſein. Er hatte einen unerſchütterlichen Glauben an die Güte, den Adel und die Göttlichkeit der unverkümmerten, wahren und reinen Menſchen⸗ natur und ſah die geiſtige und ſinnliche Beſchaffenheit des Menſchen als Gottes Werk und als ein Geſchenk an, deſſen wir uns dankbar zu freuen haben. Daher ſeine unverwüſtliche Weltfreudigkeit, im Gegenſatz zu trübſinniger Weltverneinung, ſeine Mahnung: Ge⸗ denke zu leben! nicht: memento mori; ſeine Aufforderung, nicht in die Ferne zu ſchweifen, ſondern das mögliche, gegenwärtige Glück zu ergreifen. Daher ſeine geſunde Freude an heiterer Geſelligkeit und allen Genüſſen des Lebens und ſein Widerwille gegen die Grillenfänger und Krittler, aber ebenſo auch ſein ſeliges Glück in der Betrachtung der unbegreiflich hohen Werke Gottes, die noch ſo herrlich ſind wie am erſten Tag, und aller großen Schöpfungen der Kunſt. Und doch iſt dieſes freudige Genießen der Welt weit entfernt von genußſüchtigem, unthätigem Epikureismus gröberer oder feinerer Art. Im Genuß allein fand Goethe keine volle Befriedi⸗ gung, auch nicht im äſthetiſchen Genießen.„Elender nichts als der behagliche Menſch ohne Arbeit!“ lautet eine Stelle in ſeinem Tagebuch vom Jahre 1779, und„Genießen macht gemein“, erklärt Fauſt dem Mephiſtopheles, nachdem dieſer ihn alle Genüſſe des Lebens hatte koſten laſſen und ihn doch nicht hatte befriedigen können. Und wenn Fauſt mit dem Teufel die Wette ein⸗ geht:„Werd' ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen, ſo ſei es gleich um mich gethan! kannſt du mich ſchmeichelnd je belügen, daß ich mir ſelbſt gefallen mag, kannſt du mich mit Ge⸗


