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hatte, ſo ließ er es unvollendet liegen. So erklärt ſich die große Zahl von Fragmenten, die er uns hinterlaſſen hat, und ſo auch die Thatſache, daß die Arbeit an mancher Dichtung ſich durch Jahre, ja die am„Fauſt“ durch ſein ganzes Leben hinzog.
Die dichteriſche Phantaſie bethätigt ſich aber nicht nur in der Schöpfung von Geſtalten und Bildern und in der Erfindung einer Handlung; es giebt noch ein weiteres Gebiet, auf dem ſie ihre Kräfte ſpielen läßt: das iſt die poetiſche Sprache. Indem der Dichter das Lebloſe beſeelt und das Geiſtige verſinnlicht, indem er in Metaphern und Gleichniſſen redet, veranſchaulicht und beleuchtet er die Gegenſtände und belebt und ſchmückt er zugleich ſeine Sprache. Auch auf dieſem Gebiete war Goethe einer der größten Meiſter. Das Bedürfnis, ſich figürlich und gleichnisweiſe aus⸗ zudrücken, auch im gewöhnlichen Geſpräch, war ihm angeboren.„Gleichniſſe dürft ihr mir nicht verwehren, ich wüßte mich ſonſt nicht zu erklären“, hat er ſelbſt einmal ausgeſprochen. In allen ſeinen Schriften, in Vers und in Proſa, ſind Bilder und Gleichniſſe in reicher Fülle ausgeſtreut und zumal die Sprache ſeiner Dichtungen iſt mit metaphoriſcher Ausdrucksweiſe ganz durchſetzt. Auch hier zeigt ſich ſein unerſchöpflicher Reichtum an Anſchauungen, ſeine Vertrautheit mit der Natur und ſeine vielſeitige Weltkenntnis. Ich will einige Beiſpiele aus ſeinen Briefen anführen, die zugleich inhaltlich bedeutſam ſind und uns in das Innere des Dichters hineinleuchten; ſie ge⸗ hören alle in die Zeit der achtziger Jahre, wo Goethe in Weimar mit Regierungsgeſchäften und Sorgen überlaſtet, ſeinem dichteriſchen Genius zum Trotz, die Pflichten des Tages zu erfüllen und ſich ſelbſt dafür zu erziehen mit Ernſt bemüht war. Im Jahre 1780 ſchreibt er:„In meinem Kopf iſt's wie in einer Mühle mit vielen Gängen, wo zugleich geſchroten, gemahlen, gewalkt und Oel geſtoßen wird“; und ein anderes Mal:„Ich entziehe den Springwerten und Kaskaden der Poeſie ſo viel möglich die Waſſer und ſchlage ſie auf Mühlen und in die Wäſſerungen; aber ehe ich's mich verſehe, zieht ein böſer Genius die Zapfen, und alles ſpringt und ſprudelt. Und wenn ich denke, ich ſitze auf meinem Klepper und reite meine pflichtmäßige Station ab, auf ein⸗ mal kriegt die Mähre unter mir eine herrliche Geſtalt, unbezwingliche Luſt und Flügel und geht mit mir davon“. Und im Jahre 1782 legt er das Bekenntnis ab:„Wenn du eine glühende Maſſe Eiſen auf dem Herde ſiehſt, ſo denkſt du nicht, daß ſo viel Schlacken drin ſtecken, als ſich erſt offenbaren, wenn es unter den großen Hammer kommt. Dann ſcheidet ſich der Unrat, den das Feuer ſelbſt nicht abſonderte, und fließt und ſtiebt in glühenden Tropfen und Funken davon, und das gediegene Erz bleibt dem Arbeiter in der Zange. Es ſcheint, als wenn es eines ſo gewaltigen Hammers bedurft habe, um meine Natur von den vielen Schlacken zu befreien und mein Herz gediegen zu machen.“ Unter Goethes Dichtungen aber will ich nur an das allbekannte „Heidenröslein“ erinnern und an das zarte, ſeiner ſpäteren Frau gewidmete Gedicht„Ich gieng im Walde ſo für mich hin,“ an die großartige Allegorie„Mahomets Geſang“ und den„Ge⸗ ſang der Geiſter über den Waſſern.“ Und wie der Dichter im einzelnen ſeine Sprache zu beleben und anſchaulich zu machen weiß, mögen aus der übergroßen Fülle nur einige Proben aus ſeiner„Iphigenie“ erläutern, die ihr heute in größerem Zuſammenhange noch hören werdet. In dem einleitenden Monologe klagt Iphigenie:„Weh dem, der fern von Eltern und Geſchwiſtern ein einſam Leben führt! Ihm zehrt der Gram das nächſte Glück vor ſeinen Lippen weg; ihm ſchwärmen abwärts immer die Gedanken nach ſeines Vaters Hallen, wo die Sonne zuerſt den Himmel vor ihm aufſchloß, wo ſich Mitgeborne ſpielend feſt und feſter mit ſanften Banden an einander knüpften.“ Und im zweiten Aufzuge bittet Oreſt ſeinen Freund:„Erinnre mich nicht jener ſchönen Tage, da mir dein Haus die freie Stätte gab, dein edler Vater klug und liebevoll die halberſtarrte Blüte pflegte, da du, ein immer munterer Geſelle, gleich einem leichten, bunten Schmetterling um eine dunkle Blume, jeden Tag um mich mit neuem Leben gaukelteſt.“— Wie meiſterhaft Goethe aber die Sprache überhaupt beherrſchte und damit die erſte und letzte


