— 6—
und Dorothea“, auf die wunderbare Bilderreihe der Grerchen⸗Tragödie im„Fauſt“ und auf alle die anmutigen, lebenswarmen Frauengeſtalten, die man von jeher am meiſten bewundert hat. Aber ich muß es genug ſein laſſen; ihr kennt dieſe Schöpfungen des Dichters ſelbſt oder werdet ſie kennen lernen. Nur eins will ich noch hervorheben: obgleich dieſe poetiſchen Geſtalten Kinder ſeiner Phantaſie ſind und keine von ihnen das genaue, portraitartige Abbild des Dichters oder einer Perſon ſeiner Umgebung iſt, etwa des Herzogs Karl Auguſt oder der Frau von Stein, ſo ſind es doch nicht luftige, leere, phantäͤſtiſche Gebilde, ſondern nach den Geſetzen des wirklichen Lebens und der Natur geſtaltet, auf dem Grunde ſeines eigenen Innenlebens und ſeiner Kennt⸗ nis der Welt; nicht wirklich, aber möglich und voll überzeugender innerer Wahrheit. Die Göttin der Wahrheit und nicht die Muſe iſt es ja auch, die in dem herrlichen Gedichte„Zueig⸗ nung“ ihm den Schleier der Dichtung ſchenkt,„aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit.“ Dieſe Wahrheit des Lebens, die uns in Goethes Dichtungen immer wieder ergreift und rührt und die allein den reifen Mann befriedigen kann, hält ſich gleich weit entfernt von gemeiner, naturaliſtiſch wiedergegebener Wirklichkeit, wie die neueſte Kunſt ſie liebt, und von falſcher Ideali⸗ ſierung, die nur dem jugendlich Unreifen gefällt. Seine Geſtalten ſind nur ſo weit idealiſiert, als es die Geſetze aller echten Kunſt erfordern, nur ſo weit über die Wirklichkeit erhoben, daß alles Zufällige und Gleichgültige von ihnen abgelöſt iſt, und daß ein Hauch von Schönheit und Anmut ſie unfließt, wie ich ihn wenigſtens bei keinem andern Dichter alter oder neuer Zeit verſpüre.
. Ein beſonderes Kennzeichen für die Echtheit dieſer Phantaſiethätigkeit und Kunſt iſt ihre halb unbewußte Art und der ſtarke natürliche Drang, der den Dichter dazu nötigte. „Ich habe in meiner Poeſie nie affektiert“, hat Goethe einmal erklärt,„was ich nicht lebte und was mir nicht auf die Nägel brannte und zu ſchaffen machte, habe ich auch nicht gedichtet und ausgeſprochen.“ Und an einer Stelle in„Dichtung und Wahrheit“ leſen wir:„Die Ausübung meiner Dichtergabe konnte zwar durch Veranlaſſung erregt und beſtimmt werden, aber am freu⸗ digſten und reichlichſten trat ſie unwillkürlich, ja wider Willen hervor. Ich war ſo gewohnt mir kein Liedchen vorzuſagen, ohne es wieder zuſammenfinden zu können, daß ich einigemal an den Pult rannte und mir nicht die Zeit nahm, einen querliegenden Bogen zurechtzurücken, ſondern das Gedicht von Anfang bis zu Ende, ohne mich von der Stelle zu rühren, in der Diagonale herunterſchrieb. In eben dieſem Sinne griff ich weit lieber zu dem Bleiſtift, welcher williger die Züge hergab; denn es war mir einigemal begegnet, daß das Schnarren und Spritzen der Feder mich aus meinem nachtwandleriſchen Dichten aufweckte, mich zerſtreute und ein kleines Produkt in der Geburt erſtickte.“ Oft aber auch trug Goethe ſeine dichteriſchen Gedanken Jahre lang in ſich herum;„ſie beſchäftigten ſeinen Geiſt als anmutige Bilder, als ſchöne Träume, die kamen und giengen und womit die Phantaſie ihn ſpielend beglückte.“ Er ließ ſie in ſeinem Innern keimen und ſich entwickeln, bis die glückliche Stunde der Ernte kam.„Dann brauchte er nur leiſe an dem Baume zu ſchütteln“, wie Schiller, verwundert über die unglaubliche Leichtig⸗ keit und Schnelligkeit der Entſtehung von„Hermann und Dorotheau, ſchreibt,„um ſich die ſchönſten Früchte, reif und ſchwer, in den Schoß fallen zu laſſen“. Allerdings kann auch das künſtleriſche Schaffen, zumal größerer Werke, des überſchauenden und ordnenden Verſtandes nicht entbehren, und wohl hat auch Goethe, beſonders zur Zeit ſeiner Freundſchaft mit Schiller, über die Mittel und Ziele ſeiner Kunſt zu bewußter Klarheit zu gelangen geſucht, aber auch damals hat er die Naivität ſeiner dichteriſchen Naturanlage nicht verloren, und am liebſten ließ er den Inſtinkt oder„Dämon“ in ſeinem Innern ungeſtört walten. Wenn die poetiſche Stimmung ſich nicht einſtellte, ſo mochte er ſich, ganz im Gegenſatz zu ſeinem großen Freunde, zum Dichten nicht gern zwingen, und wenn er gar das innere Verhältnis zu dem begonnenen Werke verloren


