Aufsatz 
Eigenart und Bedeutung der Dichtung und der Persönlichkeit Goethes. Schulrede
Entstehung
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im ſonnigen Süden alle Wunder der Natur geſchaut und in Romnur immer große Augen gemacht, um alle die Herrlichkeiten der Kunſt in ſich aufzunehmen. Gegenüber einem ſolchen Reichtum an Anſchauungen mußte ſelbſt ein Schiller ſich arm dünken und bekennen, daß Goethe ein Königreich regiere, während er nur über eine etwas zahlreiche Familie von Begriffen gebiete.

In dieſem Königreich hat Goethe als freier Herrſcher in zwiefacher Weiſe geſchaltet: er hat die gewaltige Maſſe der äußern Anſchauungen zuſammen mit ſeinen innern Erlebniſſen als⸗ Forſcher und Denker geſichtet und geordnet und zu einer immer umfaſſenderen und klareren Weltanſchauung einheitlich verknüpft, und er hat anderſeits als Dichter aus dieſem reichen Stoff Geſtalten und Bilder in verſchwenderiſcher Fülle geſchaffen. Hier alſo haben wir die zweite Quelle für Goethes Dichten, die ſich mit jener andern, aus ſeinem Herzeu entſpringenden innig verbunden und durchdrungen hat.

Er hätte ſie aber beide nicht dichteriſch nutzen tonnen, wenn ein gütiges Geſchick ihm nicht zwei weitere Gaben geſchenkt hätte, die Grundbedingungen jeder künſtleriſchen Thätigkeit ſind: die Einbildungskraft, die die gewonnenen Eindrücke getreu bewahrt und greifbar deutlich ſchaut, und die Geſtaltungskraft, die ſie verknüpft und verſchmelzt und ſo neue Gebilde ſchafft. Dies iſt die hohe, beglückende Geiſtesmacht, der unſer Dichter in dem ſchönen HymnusMeine Göttin den höchſten Preis erteilt,die ewig bewegliche, immer neue, ſeltſame Tochter Jovis, ſein Schoß⸗ kind, die Phantaſie. Wie ſtark dieſes Vermögen in ihm war, wie eindringlich er ſein eigenes Empfin⸗ den und das Innere ſeiner Perſonen darzuſtellen und wie lebendig und anſchaulich er äußere Vor⸗ gänge und Handlungen und die Geſtalt der Menſchen und Dinge zu vergegenwärtigen weiß, wie wahr und ſchön er namentlich die Natur in ihren wechſelnden Erſcheinungen und Stimmungen zu malen vermag, das weiß jeder von euch, der nur je eine bedeutendere Dichtung Goethes kennen gelernt hat. Ich will nur an einige der Gedichte erinnern, die ihr heute ſchon gehört habt oder noch hören werdet. Wie ergreifend ſind imErlkönig die innern Vorgänge dargeſtellt in den knappen, dramatiſchen Wechſelreden, vom erſten Bangen des Kindes bis zu ſeinem Schrei des Entſetzens und dem Grauſen des Vaters! und wie deutlich zeigt ſich unſerer Phantaſie, trotz der wenigen, ſcheinbar abſichtslos verſtreuten Züge, das Bild der nächtlichen, herbſtlichen Landſchaft: der düſtere See mit den wogenden Nebelſtreifen, vom Monde beſchienen, die alten grauen Weiden am Ufer mit ihren dürren Blättern, in denen der nächtliche Wind ſäuſelt, und das dahinjagende Pferd mit den beiden Reitern! Und in derIphigenie wer iſt ſo ſtumpfen Auges, daß er nicht die Geſtalten und Bilder vor ſich ſieht, wenn Iphigenie im erſten Monologe ſpricht:An dem Ufer ſteh' ich lange Tage, das Land der Griechen mit der Seele ſuchend, und gegen meine Seufzer bringt die Welle nur dumpfe Töne brauſend mir herüber; oder wenn im zweiten Aufzuge Oreſt von ſeiner freudloſen Jugend erzählt:Wie oft, wenn ſtill Elektra, meine Schweſter, am Feuer in der tiefen Halle ſaß, drängt' ich beklommen mich an ihren Schoß und ſtarrte, wie ſie bitter weinte, ſie mit großen Augen an; oder wenn Oreſt ſeinen Freund Pylades an ihr gemeinſames jugendliches Schwär⸗ men für große Thaten erinnert:Wenn wir abends an der weiten See, uns an einander lehnend, ruhig ſaßen, die Wellen bis zu unſern Füßen ſpielten, die Welt ſo weit, ſo offen vor uns lag, da fuhr wohl einer manchmal nach dem Schwert und künft'ge Thaten drangen wie die Sterne rings um uns her unzählig aus der Nacht. Und weſſen Einbildungskraft iſt ſo träge, daß er bei Oreſts lebendiger Schilderung der verfolgenden Furien nicht von Grauſen gepackt wird und die Schlangenhäupter noch leibhaftig auf der Bühne zu ſehen und ihr gräßliches Gelächker zu hören verlangt?

So könnte ich noch auf vieles hinweiſen, was unvergeßlich ſich unſerer Phantaſie einprägt, auf die verſchwenderiſche Fülle eindrucksvoller Bilder und Geſtalten imGötz von Berlichingen, auf die mehr als homeriſche ſinnliche Klarheit und Anſchaulichkeit inHermann