Aufsatz 
Eigenart und Bedeutung der Dichtung und der Persönlichkeit Goethes. Schulrede
Entstehung
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Daß Goethe das größte dichteriſche Genie iſt, das aus dem deutſchen Volke hervorge⸗ gangen, und daß er zu den erſten Dichtern aller Völker und Zeiten gehört, iſt heute unbeſtritten. Für den poetiſchen Beruf hatte ihn vor allem die Natur mit den außerordentlichſten Gaben ausge⸗ ſtattet. Er beſaß zunächſt eine Erregbarkeit und Stärke der Empfindungen und Leiden⸗ ſchaften, einen Umfang und Reichtum des Gefühlslebens, wie ihn kaum ein anderer beſeſſen hat. Alle Freuden und Schmerzen des Lebens, Liebesglück und Liebespein, ſchwärmeriſche Freundſchaft und bittere Entzweiung, andächtige Erhebung und dumpfe Verzweiflung, Hoffnung und Enttäuſchung, Genuß und Entſagung und was ſonſt das Menſchenherz bewegt, alles hat er tauſendfältig und in einer Stärke empfunden, daß er als Greis wohl ſagen durfte, es ſei ihm beſchieden geweſen eine Folge von Freude und Schmerz zu ertragen, wovon das einzelne wohl ſchon hätte tödlich ſein können. Wenn nun aber ein volles, ganz von einer Empfindung volles Herz den Dichter macht, wie der liebeerfüllte Franz imGötz von Berlichingen ſagt, ſo drängte es auch unſern Dichter die Empfindungen ſeines übervollen Herzens auszuſprechen unddasje⸗ nige, was ihn erfreute oder quälte oder ſonſt beſchäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und ſich im Innern darüber zu beruhigen. So wurden ſeine Dichtungen, in höherem Grade als etwa diejenigen Schillers, Abbilder ſeines innern Lebens oder wie er ſelbſt an einer be⸗ kannten Stelle inDichtung und Wahrheit ſagt:Bruchſtücke einer großen Konfeſſion, d. h. Selbſtbekenntniſſe. Durch dieſe Innerlichkeit und den ungekünſtelten Ausdruck des Selbſterlebten und ⸗empfundenen iſt Goethe der größte lyriſche Dichter geworden; dieſes Perſönliche iſt aber auch ein weſentlicher Beſtandteil und ein beſonderer Reiz ſeiner größeren epiſchen und dramati⸗ ſchen Dichtungen. Werther, Taſſo und Fauſt, um nur die bedeutendſten Geſtalten zu nennen, ſpiegeln ſein eigenes Selbſt oder wenigſtens Teile deſſelben wieder, ſie ſindBein von ſeinem Bein und Fleiſch von ſeinem Fleiſch, und ſein eigenes Herzblut durchſtrömt und belebt ſie., Auch er hatte wie Werther die Braut eines andern geliebt und lange Zeit ſich mit Selbſtmord⸗ gedanken getragen; auch er hatte wie Taſſo den ſchmerzlichen Widerſtreit zwiſchen den Bedürf⸗ niſſen ſeiner dichteriſchen Natur und den Forderungen und Schranken der Welt und Sitte durch⸗ zuleiden und durchzukämpfen; und auch er hatte ſich wie Fauſtin allem Wiſſen umhergetrieben und war immer unbefriedigter und gequälter zurückgekommen und hatte dennochimmer ſtrebend ſich bemüht.

Aber dieſem Reichtum des innern Lebens, der immer neu in ſeinen Dichtungen zum Ausdruck kam, entſprach ein gleicher Reichtum an äußeren Anſchauungen und Er⸗ fahrungen, eine umfaſſende Welt⸗ und Menſchenkenntnis. Dafür hatte Gott ihn mit den geſundeſten Sinnen begabt, vor allem mit den großen, hellen Augen, die ruhig in die Welt ſchauten und alle Eindrücke der Natur, der Kunſt und der Menſchenwelt klar und rein wieder⸗ ſpiegelten. Schon als Knabe hatte er mit lebendigem Intereſſe das bunte Leben und Treiben in ſeiner Vaterſtadt Frankfurt beobachtet, dann als Student in Leipzig, dem Klein⸗Paris, und in dem halbfranzöſiſchen Straßburg mit fröhlichem Ingendmut das Leben genoſſen; er hat dann als Mann in Weimar und anderswo in mannigfachem Verkehr mit allen Ständen und Berufen die große und die kleine Welt kennen gelernt, als Miniſter mit der Leit ung der Finanzen, der innern und äußern Politik, des Wegebaues und Bergwerkweſens, des Theaters und der Univer⸗ ſität Jena betraut, in unermüdlicher, aufopfernder Thätigkeit die vielſeitigſte Welterfahrung und Sachkenntnis gewonnen, durch ſeine eindringenden Forſchungen in der Mineralogie und Geologie, der Farbenlehre und Wetterkunde, der vergleichenden Botanik und Anatomie und durch ſeine aus⸗ gebreitete geſchichtliche und dichteriſche Lektüre eine Fülle von Anſchauungen und Erkenntniſſen ſich zu eigen gemacht; er hat endlich in täglicher Zwieſprache mit Himmel und Erde, mit Sonne, Mond und Sternen und auf ſeinen Reiſen in deutſchen Landen, in der erhabenen Alpenwelt und