Eigenart und Bedeutung der Dichtung und der Perſönlichkeit Goethes.
Eine Rede, zur Feier der 150. Wiederkehr von Goethes Geburtstag gehalten am 23. September 1899 in der Aula des Gymnaſiums zu Worms von Prof. Arthur Frederking. 4 ———
Liebe Schüler! Das„deutſche Feſt“, das auch wir vor wenigen Wochen feierten, iſt der Erinnerung geweiht an die Heldenzeit des deutſchen Volkes im Kriege von 1870, an die großen Männer der That, die einen mächtigen Gegner in heißem Kampfe niederwarfen und durch die Begründung des deutſchen Reiches die äußern und innern Verhältniſſe der deutſchen Staaten, ja der geſamten politiſchen Welt umgeſtalteten. Die Feier, die wir heute begehen, gilt dem Gedächtnis eines Mannes, der zwar auch Jahre lang als leitender Miniſter thatkräftig und klug den ſachſenweimariſchen Staat verwaltet hat, deſſen dauernde Bedeutung aber auf rein geiſtigen Werken beruht, die er als Dichter, Denker und Forſcher in ſtiller Arbeit ge ſchaffen hat. Wir ſind in der Gegenwart, wo wir die Früchte unſerer kriegeriſchen und politiſchen Erfolge genießen, wo das deutſche Reich machtpoll daſteht, wo Handel und Induſtrie und damit unſer Wohlſtand zu ungeahnter Blüte gelangt iſt, wir ſind heute geneigt, jede nach außen ge⸗ richtete, mit greifbaren praktiſchen Erfolgen gekrönte Thätigkeit höher zu ſchätzen als dichteriſches Sinnen und Geſtalten, wir bewundern heute, wo wir in der Rieſengeſtalt Bismarcks ein neues Beiſpiel menſchlicher Größe beſitzen, die Männer der That und ſind beſtrebt von ihnen zu lernen, wir wollen nicht mehr ein Volk der Denker und Träumer ſein. Und wir haben ein Recht dazu, denn jede Zeit weiß ſelbſt am beſten, was ihr am meiſten not thut. Wohl aber liegt die Gefahr nahe, daß auch dieſes Beſtreben ausartet und über das rechte Maß hinausgeht, daß wir über dem äußern Ausbau des neuen Hauſes, in dem das deutſche Volk jetzt wohnt, die innere Ausſchmückung vernachläſſigen, daß wir die idealen Güter zu gering ſchätzen und gar zu materiell und praktiſch werden. Da gilt es ſich ſelbſt zu Leinun und dieſer Einſeitigkeit ſich bewußt zu werden, die Fülle der geiſtigen Schätze, die die Zeit unſerer klaſſiſchen Dichter und Denker uns hinterlaſſen hat, wieder zu erkennen und zuſammen mit den großen Errungenſchaften. der Gegenwart für eine reichere Ausgeſtaltung des deutſchen Lebens zu verwerten.
Eine ſolche Zeit der Selbſtbeſinnung und Einkehr und nicht nur freudiger und ſtolzer Erinnerung war für unſer Volk der 28. Auguſt dieſes Jahres. Und auch ich will jetzt verſuchen, euch einigermaßen deutlich zu machen, was uns der große Meiſter bedeutet, den Gott uns vor 150 Jahren geſchenkt hat. Ich muß darauf verzichten, in dieſer kurzen halben Stunde euch den Gang ſeines reichen Lebens und die Entwickelung ſeines Geiſtes auch nur in großen Zügen darzu⸗ ſtellen; ich will auch nicht einmal ſeine dichteriſchen Meiſterwerke beſprechen— ihr müßt ſie ſelbſt leſen und auf euch wirken laſſen—; ich kann hier auch Goethes Bedeutung als Naturforſcher nicht darlegen, obgleich doch erſt dieſe mit unermüdlicher Liebe und einem heiligen Ernſt betriebenen Forſchungen, die immer auf das Ganze der Natur gerichtet waren und zu glücklichen Ent⸗ deckungen und fruchtbaren Ergebniſſen geführt haben, den ganzen Reichtum und die Tiefe ſeines Geiſtes enthüllen. Ich beſchränke mich darauf, euch eine Vorſtellung von der Art und Bedeutung ſeiner Dichtung zu geben und ſeine große Perſönlichkeit euch an's Herz zu legen.


