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kindes— nicht trotz ſeiner Beſchränkung an Bildungs⸗ mitteln ſo ſich gebildet habe, ſondern eben weil ſeine Bildungsmittel heilſam beſchränkt waren.
Eine ſolche heilſame Beſchränkung iſt aber über⸗ haupt nöthig bei der Ueberfülle von Bildungsmitteln, welche, wie wir im Ueberblicke geſehen, eine reich entwickelte Kultur⸗ ſtadt darbietet. Man hat auch wohl eine Ahnung von dieſer Nothwendigkeit und ſucht das Kind von der reichen Außenwelt abzuziehen und in der Stille ſich ſammeln zu laſſen. Aber welches iſt das Ableitungs⸗ und Beruhigungs⸗ mittel, nach dem man am nächſten und zuverſichtlichſten greift?— Man giebt— Kinderlektüre, dieſes ſüße Opium, das tumultuöſe Kindernaturen ſtille macht, oder — wie Schleiermacher ſich ausdrückt— ſie an den Tiſch nagelt. Aber man ſehe nun das Kind, wie es über ſeinem Buche ſitzt: ſein Auge verſchlingt Schrift und Bild, es fliegt immer flüchtiger über die Zeilen und Seiten hin, immer nur an dem dünnen Faden der Geſchichte oder, richtiger geſagt, des Kinderromans fort. Seine Wangen röthen ſich, ſie glühen. Alle Erregungen des Tages haben das Kind nicht ſo ergriffen, als das Buch, das es jetzt zu ſeiner„Erholung“ lieſt. Statt daß es jetzt, in der Stille der Abendſtunde, zur Ruhe und Beſinnung kommen ſollte, überläßt es ſich dem Reize neuer und ſtärkerer Gemüths⸗ erregungen,— ſüßen Grauens, halsbrechender Phantaſie⸗ läufe, bis es mit glühendem Kopf und gläſernem Auge zu Bette geht, um hier in Träumen die Lüge der falſchen Welt bis zum Erwachen in die wirkliche fortzuſpinnen. Ob„die Sündfluth von Kinderſchriften, welche heutzutage die Kinderwelt mit den widerwärtigſten, fabrikmäßig gelie⸗ ferten Abgeſchmacktheiten, wo nicht mit ſeelenverderbendem Gift überſchwemmt“(W. Menzel),— ob dieſer„Schwall


