Aufsatz 
Gefahren großstädtischer Erziehung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

wältigender noch der Beſuch wiſſenſchaftlicher Sammlungen wirkt. Wo der Mann vom Fach im Ueberblick der Maſſe ſich ſchnell orientirt und in mäßigem Fortſchritt Einzelnes ſieht und ſtudiert, ſtreift der neugierige Blick des Unkun⸗ digen obenhin, oder bleibt nur an zufälligen Aeußerlichkeiten, meiſt am Glänzenden und Wunderlichen, hängen. Wie kann man nun von Kindern erwarten, daß ſie hinreichende Selbſtbeherrſchung beſitzen, um unter dem Reichthume ſolcher Anſchauungen die Betrachtung auf Einzelnes zu koncentriren? Sie werden mit eiliger Neugierde hin⸗ und herſehen und ſich bald rathlos und ſelbſt gelangweilt finden. In der reichſten Natur finden ſie ſich eher zurecht, als hier in den Sälen der Kunſt und Wiſſenſchaft. Wenn hier nicht ein Führer ihr Auge beſchränkt und das Ein⸗ zelne verſtändig und gründlich betrachten lehrt, d. h. ihnen ſehen hilft, ſo werden ſie auch hier nur erregt, nicht gebildet werden, nicht liebend in einen Gegenſtand ſich ver⸗ tiefen, ſondern nur mit verſchwimmenden Nebelgeſtalten die Vorſtellung erfüllen.

Man wird nicht ſagen können, daß Goethe's Kunſt⸗ geſchmack ſich wenig gebildet habe, obgleich er als Kind ſeine Studien nur in den Ateliers einiger freundlichen Maler, bei ſeinem lieben Seekatz und an den Gemälden ſeines Vaters und des Königslieutenants machte; man wird es zu würdigen wiſſen, daß er noch nach einem halben Jahrhunderte davon zu ſagen wußte, wie er an der kleinen Marmor⸗ und Naturalienſammlung ſeines Vaters lernte und an den römiſchen Kupferſtichen des Vorplatzes, deren Geſtalten ſich bei dem Kinde tief eindrückten. Man kann ſich des Gedankens nicht enthalten, daß Goethe obſchon in dieſem Kopf eine Pinakothek und ein Muſeum eher Raum finden mochte, als in dem eines andern Menſchen⸗