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zum erſten Mal entrollt, geht hier eine neue Welt auf, die alle ſeine Sinne ergreift, ſeine Seele mit glühenden Farben erfüllt und ihm noch Wochen und vielleicht Jahre lang zu ſchaffen macht. Aber Kinder, mit denen man die Zeit nicht erwarten kann, unterliegen der äußerlich über⸗ wältigenden und innerlich ihnen unverſtändlichen Erſchei⸗ nung; ſie werden betäubt, abgeſtumpft, todtmüde; ſie nehmen nichts mit heraus als einen flimmernden, verworrenen, wilden Eindruck, und der große Eindruck eines erſten Theatertages, der ihrer ſpäteren Jahre wartete, iſt im Voraus verkümmert. Man ſollte ſie nie eher hinzuführen, bis ſie befähigt ſind, die bildende Wirkung des Inhalts zu erfahren. Und auch dann iſt das Beſte nur eben gut genug für die Jugend,— nicht Spektakelſtücke, Feuerregen und Feenlandſchaften, ſondern klaſſiſches Schauſpiel, das der Jugend große Gedanken und ihrer Phantaſie einen kräftigen Aufſchwung giebt. Auch hier gilt übrigens die Erinnerung, daß wir für das Alter doch auch einen Genuß aufſparen wollen.— Ein Theater⸗Freibillet, wie es dem lebhaften Enkel des würdigen Stadtſchultheißen zu Gebote ſtand, wollen wir ſelbſt unſerer reiferen Jugend nicht wün⸗ ſchen,— wie wir ja überhaupt etwas Anderes im Sinne haben, als in allen Stücken nach Goethe's Muſter zu erziehen.
Selbſt die würdigſten Ausſtellungen der Wiſſen⸗ ſchaft und Kunſt,— es darf mit dieſer Bemerkung hier nicht zurückgehalten werden,— ſelbſt dieſe Muſeen, Pinako⸗ theken und Glyptotheken, die reiche Schule der Jünger der Wiſſenſchaft und Kunſt, ſind nicht eben Bildungsſtätten für— Kinder, oder ſie ſind es wenigſtens. mit ſehr beſchränkendem Vorbehalt. Man erfährt es auf Reiſen, wie der Gang durch eine unbekannte Gemäldegallerie ſo leicht verwirrt, ermüdet und ſelbſt abſtumpft und wie über⸗


