Aufsatz 
Gefahren großstädtischer Erziehung
Entstehung
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ſchliffener Volksgebräuche einzelne Bilder ſo hell hervor⸗ treten und ſo entſchieden ſich einprägen, daß auch noch das Alter ihre heilſame Wirkung verſpürt, das iſt die Frage.

Kräftige Naturen helfen ſich in dieſem tonloſen Gewirre, und zwar mit einer Neigung, die man, oft zu gering⸗ ſchätzig, die Liebhaberei des Kindes nennt. Der eine Knabe hatſeine einzige Freude an Pferden, und ſieht auf der Straße nichts als Roß und Reiter und Wagen; der andere hat es darauf angelegt, fremde Leute und Trachten heraus⸗ zufinden und auf fremde Zungen zu lauſchen, oder er hat ſein ganzes Intereſſe dem Fluſſe zugewendet und kann Stunden lang den Schiffen und Schiffern zuſehen. Ein ſolches Beſchränken des Intereſſes führt mindeſtens zu nach⸗ haltigerem Aufmerken. Jedenfalls wird die Erziehung wohl thun, wenn ſie dieſer Spur nachgeht und dieLiebhaberei des Kindes auf einzelne des Intereſſes wirklich würdige Partieen des Stadttreibens zu lenken ſucht. Dazu gehört aber auch, daß das Kind für die Erzählung ſeiner Reiſen durch die Stadt daheim ein geduldiges Ohr, eine zurecht⸗ weiſende Beſprechung und eine ſinnige Auffaſſungsweiſe finde.

Wenn man aber für den Ausfall an bedeutenden Erſcheinungen des eigenen Stadtlebens etwa einen Erſatz in jenen Sehens⸗ und Merkwürdigkeiten finden will, die von auswärts der großen Stadt zuſtrömen, ſo iſt von dieſen wilden Menſchen und zahmen Thieren, dieſen Buden und Theatern weniger eine Abhülfe als eine Steigerung des Uebels zu erwarten. Die einzelne Erſcheinung iſt wohl unſchädlich, wie ein harmloſes Spiel kindiſcher Neugierde; aber die Geſammtheit, das fortwährende Zu⸗ und Inein⸗ anderlaufen von Erſcheinungen droht mit einem Uebermaße von Erregungen und Zerſtreuungen, und trägt dazu bei,