Aufsatz 
Gefahren großstädtischer Erziehung
Entstehung
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nicht nur an altem Gemäuer, ſondern nicht minder in den Werkſtätten der Handwerker fleißig beobachtet und gelernt hat.

Auch das Leben der Begebenheiten, das in den Straßen wogt, will bewältigt ſein. Daß in dieſem Wogen mancher Schmutz vorübergetrieben wird, von dem wir das Auge des Kindes gern abwenden möchten, iſt kaum das Schlimmſte; wenigſtens möchten wir dem Auge, das aus einem reinen Herzen blickt, zutrauen, daß es in den meiſten Fällen entweder im Schlimmen nichts Schlimmes ſieht, oder in ihm das Schlechte gründlich haſſen lernt. Auch trifft das Kind auf Situationen genug, die an ſich bildend ſind, die ſein Intereſſe erregen, an denen es Gedanken und Fragen fortſpinnen könnte. Aber das Schlimme iſt auch hier, daß die Ueberfülle der Erſchei⸗ nungen nicht eine derſelben zu tieferer Wirkung kommen läßt, daß Tragiſches und Komiſches, Elend und Ueppig⸗ keit, Weinen und Lachen, Mitleid und Spott in raſcher Folge neben einander treten und ſich wechſelweiſe ver⸗ drängen, daß ein Bild, kaum abgeſchattet, ſchon wieder in ein anderes verwiſcht, ein Affekt, kaum erregt, ſchon von einem andern verdrängt wird.

Die Unbedeutendheit und Charakterloſigkeit der Erſchei⸗ nungen wirkt überdieß ermüdend. Goethe hatte auch hierin es beſſer. Jene mittelalterlichen Meßkomitate und Pfeifer⸗ gerichte, franzöſiſche Beſatzung, Kanonendonner von Bergen her, Prunk und Feſtlichkeit einer Kaiſerkrönung, das waren Begebenheiten, die in bedeutungsreicher Geſtalt hervor⸗ traten und tief eingingen. Wie kräftig, antreibend und bildend ſie auf den Knaben wirkten, davon wußte der Greis noch zu erzählen. Unſere Jugend iſt zwar von einer reicheren Fülle von Erſcheinungen umringt; aber ob aus dieſen Produkten einer civiliſirten Volksſitte und abge⸗