Aufsatz 
Gefahren großstädtischer Erziehung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Dach über die Wiege des Kindes bant, aber nicht, daß ſie an die Stelle des Palmenhains der Patriarchen einen Häuſerwald umherſetzt und mit dieſem die Natur verbaut. Es wäre vorerſt genug an ein paar ländlichen Hütten, in denen das Kind heimiſch werden, deren Menſchen es kennen und lieben könnte. Ein ſteinerner Wald mit Fenſtern und Thüren, todte Mauern mit einem Abſtraktum von Menſchen dahinter ſind nicht der beſte Elementarſtoff für die Anſchauung des Kindes. Beſſer vielleicht, es träumte müſſig den Wellen eines Baches nach oder ſchaute ver⸗ ſtohlen dem Neſtbau eines Vogels zu, als daß es hier mit träumendem Blick an den Häuſerreihen hinſtreift oder gaffend vor dem bunten Schaufenſter verweilt. Das Uebel liegt nicht eben in dem, was geſehen wird, es ließe ſich bei Vielem Vieles lernen. Aber die übergroße Menge und Mannigfaltigkeit zerſtreut und verwirrt; das Kind kann nicht fertig werden mit Sehen. Der Glanz und der Schimmer reizt allſeitig die Neugierde, ohne das Intereſſe zu feſſeln. Daher laſſen die Anſchauungen nur matte und unklare Bilder in der Seele zurück; es bildet ſich die Gewohnheit des Obenhinſtreifens der Betrachtung und der Gedanken; und im beſten Falle findet das Kind eben nur zu ſehen, aber wenig zu denken und nichts zu ſchaffen.

Manche Städte haben in Bauten und Monumenten noch eine Sprache, die auch zu den Kindern redet. Aber dieſe verſtummt in der Charakterloſigkeit moderner Bauten. Auch unſere Stadt macht es ihren Kindern nicht mehr ſo leicht, wie einſt dem Knaben vom Hirſchgraben.Die große Mainbrücke, der ſchöne Fluß auf⸗ und abwärts, der goldene Hahn auf dem Brückenkreuz, den jener ſo gern im Sonnen⸗ ſchein glänzen ſah,ziehen zwar noch die Blicke an und erfüllen mit einer erfreulichen Empfindung; aberdie