Aufsatz 
Gefahren großstädtischer Erziehung
Entstehung
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belebte Binnenland, ſo wirken überall ohne Zuthun des Erziehers und trotz ihm die Umgebungen nach ihrer Eigenthümlichkeit auf die Bildung des Kindes. Man ſehe den Knaben, wie er im einſamen Bergthale aufwächſt, im Spiele und Kampfe mit der Natur, in einem kleinen, aber ihm heimiſchen Menſchenkreiſe, unter manchen Entbehrungen, aber bei einem reichen Maße von Freiheit; und man ſehe den reichen Sprößling großer Städte, wie er frühe ſchon mitten im Wogen des Lebens ſteht, unter einer Fülle von Anregungen, aber arm an Natur und Freiheit, von den Sprungfedern der Civiliſation allſeitig gehoben und doch auch beengt! Man wird leicht urtheilen, daß jene Waldeinſamkeit wohl dazu geeignet ſei, tiefſinnige und kräftige Naturen zu bilden, Wahrheit und Innigkeit der Empfindung zu erzeugen, aber leicht auch eine gewiſſe Einſeitigkeit und trotz innerer Kraft Scheu vor der großen Welt; und daß dagegen hier, in einer reich entwickelten Umgebung, die Elemente zu weiter und vielſeitiger Bildung gegeben ſind, Weltgewandtheit und ein kühler Muth ſich erzeugen wird, aber leicht auch Entfremdung von der Natür⸗ lichkeit und Mangel an Tiefe und Kräftigkeit. Jugendeindrücke dieſer Art ziehen ſich oft unauslöſchlich durch das ganze Leben hin, wie z. B. in Hebel, dem ruhm⸗ und würdereichen Prälaten, noch derfriedfertige, beſcheidene und vergnüglich gefaßte Sinn des Naturkindes fortlebte, aber auch dieſchüchterne Scheu vor den vor⸗ nehmen Leuten, die das Dorf und die arme Mutter ihrem kleinen Peter eingeflößt; und wie um von anderer Seite ein Beiſpiel zu nennen in G. Forſter, ſelbſt in der Zurückgezogenheit eines wiſſenſchaftlich beruhigenden Lebens, noch die Unruhe einer geiſtig überreizten Kindheit fortfieberte und zu Unſtetigkeit und innerem Zwieſpalt führte.