Aufsatz 
Über den volkswirtschaftlichen Unterricht
Entstehung
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und sein Verfall hat auch ihren Verfall zur Folge. Das hat einst Deutschland erfahren, als der Kompass noch nicht erfunden war, als Venedig und Genua, die grössten Welt- märkte des Mittelalters, sich für ihren Warentransport nach dem Norden auf den Land- weg angewiesen sahen und die deutschen Städte, dank ihrer centraleuropäischen Lage, den gesamten Zwischenhandel übernahmen. Damals, als sich ihnen nach allen Seiten neue Absatzwege erschlossen und ihre Bürger zu immer grösserem Wohlstand gelangten, damals regte sich in ihnen der Geist der Erfindung und des Geschmacks, und der Kunstfleiss feierte in Deutschland seine schönsten Triumphe. Nach der Erfindung des Kompasses aber belebten sich die Meere, die alten Verkehrsstrassen verödeten, die deutschen Städte ver- fielen, das insulare England dagegen, das bis dahin weder in Ansehung der Industrie noch des Wohlstandes sich hatte mit Deutschland messen können, riss den Welthandel an sich, und jetzt, da es nah und fern Verbindungen angeknüpft und feste Stationen für seinen Handel gewonnen hatte, begann jene grossbritannische Industrie zu erblühen, die bis auf den heutigen Tag die vornehmste der Welt geblieben ist.

Zum Teil aus diesem Grunde, zum Teil im Interesse der Darstellung hat übrigens Wilhelm Roscher, also ein Gewährsmann ersten Ranges, im 3. Bande seines Systems der Volkswirtschaft dieselbe Anordnung gewählt, der wir den Vorzug geben möchten.Die Lehre vom Handel, sagt er in seiner Vorrede ¹),ist der vom Gewerbfleiss vorangestellt: nicht bloss darum, weil sich historisch bei den meisten Völkern jener vor diesem ent- wickelt, sondern auch aus dem methodologischen Grunde, weil zum Verständnis der In- dustrie die Einsicht in das Aktien-, Geld-, Bank-, Transportwesen etc., überhaupt in die wichtigsten Handelsanstalten doch noch unentbehrlicher ist, als umgekehrt zum Verständ- nisse des Handels die Einsicht in das Handwerks- und Fabrikwesen.

Die zweite offene Frage, eine Frage der didaktischen Technik, ist recht ernster Natur hängt doch der Erfolg des Unterrichts nicht unwesentlich davon ab und ihre Lösung nicht ohne Schwierigkeit: es ist die Lehrmittelfrage. Wir haben bis jetzt kein Schulbuch der Volkswirtschaftslehre, das unseren Anforderungen und Bedürfnissen entspräche, es dürfte auch schwerer als in vielen anderen Fächern zu schreiben sein. Denn unser Lehrstoff ist, ein beweglicher, nicht nur deshalb, weil das statistische und gesetzgeberische Material sich vielfach verändert das hätte mit ihm, freilich in geringerem Masse, z. B. die Geographie gemein, sondern auch weil der Unterricht gewiss mit Recht bald diesen, bald jenen Gegen- stand, je nachdem derselbe im Vordergrunde des Zeitinteresses steht, das eine Mal stärker betonen wird, als ein anderes Mal. Gleichwohl würde ein gedrucktes Lehrbuch im höchsten Grade willkommen sein, da der mündliche Vortrag und die mündliche Repetition bei der Mannigfaltigkeit der Materie entschieden nicht ausreichen. Was aber ist zu thun, bis wir ein solches haben? Es giebt nur noch zwei andere Unterstützungsmittel des Gedächtnisses: entweder dass der Schüler während der Besprechungen nachschreibt, beziehungsweise sich kurze Notizen macht, oder dass der Lehrer nach mündlicher Erledigung jedes Kapitels

¹) Nationalökonomik des Handels und Gewerbfleisses(System der Volkswirtschaft, Band III), Stuttgart 1881.