Aufsatz 
Über den volkswirtschaftlichen Unterricht
Entstehung
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gegeben habe,als ob sie wirklich schon eine Wissenschaft sei, und noch dazu eine, die auf so klaren und einfachen Grundsätzen beruhe, dass jeder in der Apothekerprüfung durch- gefallene Pharmazeut binnen 24 Stunden ein perfekter Volkswirt werden könne.

Erst vor Jahresfrist endlich nahm Gustav Schmoller in einer Polemik gegen seinen Wiener Collegen Menger Veranlassung, den modernen Standpunkt der nationalökonomischen Wissenschaft wie folgt zu präcisieren:Die deskriptive Wissenschaft liefert die Vorarbeiten für die allgemeine Theorie; diese Vorarbeiten sind um so vollendeter, als die Erscheinungen nach allen wesentlichen Merkmalen, Veränderungen, Ursachen und Folgen beschrieben sind... Das aber wäre die Lage der socialen Wissenschaften, dass der deskriptive Teil noch unvollkommen sei und die Theorie nur in einer Summe vorläufiger, noch zweifelhafter, teilweise verfrühter Generalisationen bestehe. Der Weg der Abhülfe liege darin, dass zu- nächst und vor allem die Beobachtung vermehrt und verschärft, dass mit Hülfe umfang- reicheren und besseren deskriptiven Erfahrungsmaterials aller Art die Klassificierung der Erscheinungen, die Begriffsbildung verbessert werde.Es ist keineswegs eine Vernachlässi- gung der Theorie, sondern der notwendige Unterbau für sie, wenn in einer Wissenschaft zeitweise überwiegend deskriptiv verfahren wird... Nachdem die ältere abstrakte National- ökonomie Grosses geschaffen, versiegte der Born ihrer Lebenskraft, weil sie ihre Resultate zu sehr zu abstrakten Schemen verflüchtigte, die aller Wirklichkeit entbehrten... In der Zukunft wird für die Nationalökonomie eine neue Epoche kommen, aber nur durch Ver wertung des ganzen historisch-deskriptiven und statistischen Materials, das jetzt geschaffen wird, nicht durch weitere Destillation der hundertmal destillierten abstrakten Sätze des alten Dogmatismus¹).

In bemerkenswerter Ubereinstimmung geht doch die hier geschilderte Abwendung von Generalisationen und Theorieen, der energische Zug zur konkreten Einzelforschung als ein echter Geist der Zeit fast durch alle wissenschaftlichen Bestrebungen der Gegenwart.Dass das Interesse an den berechtigten Aufgaben der Philosophie in der Menschheit nie dauernd erlöschen kann, sagt Helmholtz ²), ist selbstverständlich, wenn sie sich auch vielleicht für halbe Jahrhunderte von solchen Studien misstrauisch abwenden mag, nachdem man ihren Wissenshunger mit Opium statt mit Brot zu stillen versucht hat... Die Naturwissen- schaften haben genau in dem Masse reichere und schnellere Fortschritte gemacht, als sie sich den Einflüssen der angeblichen Deduktionen a priori entzogen haben.

Welche Anwendung nun findet das Gesagte auf unseren Gegenstand? Die Schule lerne daraus, dass sie dem Geiste der Zeit gemäss sich zu beschränken habe, dass sie nicht mehr zu wissen und mehr zu leisten prätendiere als die Wissenschaft selbst, dass sie ihre Schüler mit unfruchtbaren Deduktionen und Theoricen(einerPhilosophie des Handels, wie man sich auch wohl ausgedrückt hat) verschone und statt dessen sofort in die grosse, weite Welt der Erscheinungen einführe. Aus den Kenntnissen, die wir ihnen mitgeben, und aus ihren fort- gesetzten Studien und Erfahrungen mag sich dann in reiferen Jahren ein selbständiges Ur- teil, selbst eine systematische Anschauung erheben, die zu ihren induktiven Beobachtungen, wie es Ingram schön ausdrückt, als Kontroll-Instanz hinzutrete. Auf der realen Grundlage

¹) Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im deutschen Reich. N. F. VII(1883), Heft 3. S. 241 42. ²) H. v. Helmholtz, Vorträge und Reden, Braunschweig 1884, II. 362 63.