Geographie lernen heisst, wenn der Schüler in der Geschichtsstunde jeden Schauplatz wich- tiger Begebenheiten mit Hülfe der Karte sich einprägt, ja selbst an geeigneter Stelle auf den Zusammenhang zwischen dem Leben der Völker und der physischen Beschaffenheit ihrer Wohnsitze hingewiesen wird. Wir werden im historischen Unterricht gern beim Peri- kleischen, Augusteischen, Mediceischen Zeitalter verweilen, wir werden von Phidias und So- phokles, von Horaz und dem Pantheon, von Einhard und Ekkehard, von Walter von der Vogelweide und Dante, von der Alhambra und der Peterskirche, von der Marienburg und dem Heidelberger Schlosse, von Shakespeare und Molière, von dem deutschen Kunstgewerbe vor dem 30jährigen Kriege, von Rubens und Rembrandt, kurz von Dichtungen, Bauten und Bildern zu reden veranlasst sein: vermeinen wir damit den Schülern eine Geschichte der Kunst zu geben oder ihnen die Litteraturgeschichte zu ersetzen?—
Wenden wir uns nun, nachdem wir die historische Methode des volkswirtschaftlichen Unterrichts abgelehnt, zu einer ihr entgegengesetzten, die sich wohl am besten als die de- duktive bezeichnen lässt.
2. Die deduktive Methode.
„Die Volkswirtschaftslehre ist im Grunde nur eine Denklehre, die auf materielle Ver- hältnisse angewandt ist und in diesen das Gesetz als herrschende Macht nachweist. Sie muss erforschen, weshalb Erscheinungen so und nicht anders entstehen, und welche Wir- kungen die vorliegenden Ursachen haben müssen ¹).“
Aehnlich heisst es in einer anderen Schrift:„Sie zeigt, wie in diesem bunten Getriebe bestimmte Gesetze walten, gerade wie das Wachsen einer Pflanze bestimmten Naturgesetzen unterworfen ist.“
So Zuversichtliches ist in betreff unseres Gegenstandes in den Veröffentlichungen dieser und jener Fachschule zu lesen; und solchen Anschauungen entsprechen denn auch die Un- terrichtspensa, wie sie in den Jahresberichten dieser Anstalten angegeben sind:„Feststellung und Erörterung der wirtschaftlichen Begriffe und Gesetze, Anwendung derselben auf die verschiedenen Formen des wirtschaftlichen Lebens ²);“ oder:„Erläuterung der Grund- begriffe: Bedürfnis, Gut, Wert, Vermögen, Wirtschaft, Volkswirtschaft; hervorbringende Kräfte: Natur, Arbeit, Kapital, Teilung der Arbeit, freie und unfreie Arbeit, Eigentum, Kredit; Güterumlauf: Preis(Angebot, Nachfrage), Geld; Verteilung der Güter: Einkommen, Grundrente, Kapitalzins; Verzehrung der Güter: Arten der Verzehrung, Wechselwirkung zwischen Erzeugung und Verbrauch, Produktions- und Handelskrisen, Luxus ³).“
In gleicher Weise sind endlich auch die vorhandenen Schulbücher gegliedert, in denen einer Erörterung der Grundbegriffe die vier Kapitel der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre von der Produktion, dem Umlauf, der Verteilung und der Konsumtion der Güter folgen. Weil dies die Anordnung der wissenschaftlichen Werke ist, so wird sie auch für das Ele- mentarbuch acceptiert, als ob der kurze Auszug aus einem guten grossen Buche unzweifelhaft ein
¹) Programm der Pester Handels-Akademie, Pest 1868. S. 27.
²) Pester Handels-Akademie. 1868. S. 73.
³) Jahresbericht über die öffentliche Handels-Lehranstalt zu Chemnitz für das Schuljahr 1872/73, S. 44; ähnlich Leipzig 1881, S. 49, u. a. m.


