Der Volkswirtschaftsunterricht, der von Anbeginn einen integrierenden Teil des Lehrplans ausgemacht hatte, musste durch die Erhöhung der Handelsklassen zur obersten Stufe eines Realgynasiums notwendigerweise ebenfalls über sein früheres Mass hinausgehn, ohne dass ihm doch durch eine eingehende Unterrichts-Ordnung die genauere Richtschnur gegeben war. Auch die pädagogisch-didaktische Litteratur, die über jedes Gebiet des Schulwesens, sei es in Zeitschriften und Programmen, sei es in zusammenfassenden Darstellungen, dem Rat- suchenden methodische Belehrung bietet, hatte diesem Fache noch keine Beachtung zuge- wendet. Die kurzen Worte des amtlichen Berichtes über die Reorganisation vom Jahre 1877 mussten als prinzipielle Anleitung genügen; sie lauteten etwa:„Der Unterricht in der Volkswirtschaftslehre ist propädeutischer Natur; er hat die Aufgabe, zum Nachdenken über volkswirtschaftliche Dinge und zu späteren selbständigen Studien anzuregen und zu befähigen... Systemmacherei und Vortrag unreifer und streitiger Parteidoktrinen ist da- gegen nicht Aufgabe der Schule“.
Die gemessene Vorschrift gewährt ja Sicherheit und Halt; doch hat es auch einen hohen Reiz, auf ungeebneten Pfaden zu wandeln. Zu welchen Ergebnissen den Verfasser nun wissenschaftliches Studium, pädagogische Überlegung und Besprechung und— der sicherste Wegweiser— die lebendige Wechselwirkung zwischen Lehrendem und Lernenden haben gelangen lassen, sei in der nachfolgenden Darstellung eiser freundlichen Beurteilung unter- breitet.
1. Die historische Methode.
Der volkswirtschaftliche Unterricht hat vor drei Jahren in Berlin eine Frörterung erfahren, an die ich zunächst anknüpfen möchte. Herr Dr. Jannasch, ein nationalökonomischer Schriftsteller, hielt am 23. Februar 1882 im Verein Berliner Realschulmänner und Real- schulfreunde einen Vortrag über die„Bedeutung der Volkswirtschaftslehre für den Unter- richt“, an welchen sich ein lebhafter Meinungsaustausch der Anwesenden und die Einsetzung einer Kommission schloss, die über den Gegenstand berichten sollte¹). Herr Jannasch betonte namentlich die kulturhistorische Wichtigkeit zahlreicher volkswirtschaftlicher Vorgänge und die für das Verständnis der Geschichte vielfach erforderliche Kenntnis wirtschaftlicher That- sachen. In Beantwortung der Frage:„Soll Volkswirtschaft in der Schule getrieben werden?“ schreitet er jedoch nicht zu den Konsequenzen der oben erwähnten Schweizerischen Gesell- schaft fort, über deren Verhandlungen und Kommissionsvorschläge Böhmert berichtet.
„An den mittleren Lehranstalten, heisst es hier(a. a. O. S. 17), sollte durch zwei Stunden im letzten Schuljahre wenigstens der Grund zum Verständnis der Ilauptlehren gelegt und damit ein tieferes Interesse für die wirtschaftlichen Fragen erweckt werden. Wenn man dagegen einwendet, dass alle derartigen Anstalten schon jetzt an einer Uberfüllung mit Stunden leiden und keine neue Disciplin in ihren Lehrplan aufnehmen können, so ist zu entgegnen, dass es sich hier um einen notwendigen Bestandteil der allgemeinen Bildung handelt, und
¹) Der Vortrag ist im Central-Organ für die Interessen des Realschulwesens 1882, S. 279— 287 ab- gedruckt. Die dort versprochene Mitteilung über das Ergebnis der Kommissionsberatung ist nicht erschienen; doch war der Bericht in Form von 7 Thesen der gedruckten Einladung zur Vereinsversammlung vom 7. Dezember 1882 beigefügt und ist so auch mir von befreundeter Seite zugekommen.


