Aufsatz 
Lehrplan für den deutschen Unterricht : [nach Fachconferenzen zsgest.] / bearb. von Richard Forst
Entstehung
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genügt das ausdrucksvolle Vorleſen vollkommen, um den vom Dichter beabſichtigten Eindruck zu vermitteln. Das Analyſieren und Zerpflücken zerſtört, beſonders bei der Poeſie, alle Unmittel⸗ barkeit des Genuſſes. Dagegen wird man den Schüler durch ſorgfältiges Leſen und Wiederholen bei einer Sache feſtzuhalten ſuchen, bis ſie ihm lebendig geworden iſt; handelt es ſich doch hier um die unmittelbare Uebertragung aus einer Seele in die andere.

An die Leſeübung ſchließt ſich die Sprechübung an, nicht auf formale Denkübungen berechnet, ſondern auf einfaches freies Wiedererzählen des Geleſenen abzielend, wobei darauf gehalten wird, daß jeder angefangene Satz auch ordentlich zu Ende geführt werde. Bei dem Vortrage von Auswendiggelerntem darf das Herunterleiern nicht geduldet werden, das, wie Nägelsbach ſagt, dem Charakter ſchadet. Auf der mittleren und oberen Stufe ſoll der Schüler auch längere Proſaſtücke, deren Gedankenfolge und Abſchnitte er ſich an einzelnen, die Hauptgedanken andeutenden Wörtern gemerkt hat, im Zuſammenhange wiedergeben. Der Lehrer wird hier der individuellen Ausdrucksweiſe des Schülers keinen Zwang anlegen, wohl aber dieſen veranlaſſen, die beſonderen charakteriſtiſchen Wendungen und Ausdrücke des Schriftſtellers zu benutzen. Dies iſt zugleich eine gute Übung in der Unter⸗ ſcheidung des Weſentlichen von dem minder Weſentlichen, des Allgemeinen von dem Beſonderen, eine Vorübung zum Excerpieren und Disponieren.

Auch das Schreiben ſchließt ſich zunächſt lediglich an das Leſebuch an, und die erſte Regel der Orthographie iſt: ſchreibe ſo, wie Du in Deinem Leſebuche geſchrieben ſiehſt(Schmidt, pädag. Encyklopädie)..

Mannigfaltige praktiſche Übungen, Buchſtabieren, Abſchreiben, Diktate aus dem Leſebuche, auf die ſich die Schüler vorbereitet haben, Aufſchreiben auswendig gelernter Sätze oder Stücke unter⸗ ſtützen die einfachen, kurzen Regeln über die Orthographie und bereiten allmählich zum Aufſatze vor. Dieſer beginnt auf den unteren Stufen mit einfachen Erzählungen und Beſchreibungen, und wird auch auf den oberen Stufen wohl nicht viel über die Erzeugniſſe des Gedächtniſſes, geſchichtliche Stoffe, Inhaltsangaben, Beſchreibungen, Charakterzeichnungen, geordnete Berichte über Geſehenes und Erlebtes, einfache Beobachtungen und Schil⸗ derungen hinausgehen können. Für einige Bekanntſchaft mit dem Geſchäftsſtil kann durch Überſetzung kaufmänniſcher Briefe im franzöſiſchen und engliſchen Unterrichte geſorgt werden. Daß dasſelbe Thema ſtets von der ganzen Klaſſe zu bearbeiten iſt, verſteht ſich von ſelbſt.