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ehe die Schüler Veranlassung und Gelegenheit der Besprechung im Unterricht kennen; die erste unvollkommene Betrachtung erregt ihre Spannung und gibt ihnen eine Menge Rätsel auf, deren Lösung sie vom Unterricht erwarten; ist das Bild beschrieben, so kehren die Schüler von selbst bei jeder Gelegenheit zur Betrachtung desselben, das natürlich längere Zeit in dem Rahmen bleiben muss, zurück; jede neue Betrachtung nimmt eine Hülle von ihrem Auge, bis sie eine klare Vorstellung in sich aufgenommen haben und im Stande sind, auch ohne Hilfe der Abbildung eine Beschreibung des Kunstwerks zu liefern. Es wird dadurch den Schülern die Gewöhnung anerzogen, durch längeres Betrachten der Kunstwerke in ihre Schönheiten wirklich einzudringen, und je älter und reifer sie werden, um so mehr werden sie sich zum Verstehen- lernen, nicht zum seichten Kritisieren hingeleitet finden. Am wünschenswertesten aber bleibt es, wenn in der Hand eines jeden Schülers eine Abbildung des zu besprechenden Werkes sich befindet, womöglich als Eigentum; dann kann wie bei jedem anderen Unterricht die Aufmerk- samkeit der Schüler controliert und eine häusliche Repetition, die in der mündlichen oder schriftlichen Beschreibung besteht, gefordert werden. Von dieser Erwägung ausgehend hat N. Menge die zu umfangreichen Seemann'schen Bilderbogen zu seinem Bilderatlas verkürzt, der nebst dem Textband 6,50 Mk. kostet, ein Preis, der für Gymnasialschüler nicht uner- schwinglich ist. ¹
Indessen auch der Mengesche Bilderatlas leidet bei seinen unleugbaren Vorzügen, wie alle die zu derselben Zeit erschienenen Bildersammlungen(Seemann, Engelmann, Baumeister) vor allem unter dem Umstand, dass mehrere heterogene Abbildungen auf einem Blatt zusammen- gedrängt sind. Diese Einrichtung wirkt schon bei dem einfachen Anschauungsunterricht auf den Schüler zerstreuend; denn es ist eine oft gemachte Erfahrung, dass solange, bis sämtliche Bilder auf der aufgeschlagenen Tafel betrachtet sind, der Lehrer für seine Worte taube Ohren findet; geradezu störend aber ist diese Einrichtung bei plastischen Kunstwerken in einem Unterricht, dem es darauf ankommt, durch die Schönheit des Kunstwerkes auf die Klasse zu wirken. Selbst für den gesammelten Beschauer wird der Eindruck des Bildes erheblich beein- trächtigt durch die verwirrende Umgebung, wie viel mehr für den Schüler. Ausserdem erschwert der festgebundene Atlas das Vergleichen verwandter Bildwerke durch Nebeneinanderlegen, was doch zu der wiederholenden Zusammenfassung und zur Vertiefung des Unterrichts not- wendig ist.
Schliesslich sind die Holzschnitte und die Stiche der früheren Bilderhefte nicht geeignet die Schönheit plastischer Bildwerke auch nur einigermassen wiederzugeben; für diesen Zweck ist einzig geeignet, mehr noch als ein nicht sorgfältig ausgeführter Gipsabguss, die Photographie mit dunklem Hintergrund, aus dem das helle Bild plastisch heraustritt, oder der Lichtdruck, der nach solchen Photographieen hergestellt ist. Allen diesen Ansprüchen sucht zu genügen, ohne doch die grossen Vorzüge der früheren Sammlungen, namentlich die Billigkeit, ausser Acht zu lassen: die Klassische Bildermappe von Bender,(nach dessen Tode fortgesetzt von Anthes und Forbach), Darmstadt, Lichtdruckanstalt von Zedler und Vogel. Die Bildermappe will in erster Linie der Kunstbelehrung im engeren Sinne dienen. Daher ist bei der Auswahl der Bilder zumeist auf Meisterwerke der antiken Plastik Rücksicht genommen worden, die gut erhalten sind. Die einzelnen Blätter liegen lose in Heften, jedes Blatt trägt nur ein Bild und die Bilder selbst sind überwiegend nach Photographieen mit dunklem Hintergrund gearbeitet. Es sind bis jetzt 9 Hefte zu je 5 Bildern erschienen; der Preis des Heftes beträgt 1,20 Mlk., das 10. u. 11. Heft sind in Vorbereitung, eine weitere Fortsetzung hängt von der Aufnahme ab, die das Werk in der Zukunft findet.
Ich möchte diesen Abschnitt nicht beschliessen, ohne des grossen Vorteils der Anstalten zu gedenken, an deren Sitz sich ein öffentlich zugängliches Museum von Gipsabgüssen befindet, allein sie werden nicht zahlreich sein; an manchen Orten wird auch die Dürftigkeit der Aus- stattung und der Mangel eines erklärenden Kataloges der erfolgreichen Benutzung im Wege stehen; immerhin ist der Besuch von Schülerklassen unter Führung eines kundigen Lehrers
¹ Die Beschwerden der Eltern über die hohen Kosten der Bücher richten sich meiner Erfahrung gemüss weniger gegen solche Werke, die für längere Jahre, ja über die Schule hinaus ihren Wert behalten, als gegen den öfteren Wechsel von Grammatiken und Ubersetzungsbüchern, deren häufige, völlig abweichende Neuauflagen überdies die älteren Ausgaben rasch unbenutzbar machen; wo wirkliche Bedürftigkeit vorliegt, kann entweder der Verleger oder die Schule helfend eingreifen.


