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förderlich; zudem kann wachsendes Interesse in Schulkreisen und geschickte Beeinflussung der Museumsverwaltungen eine liebevollere Behandlung des Antikenkabinets bewirken.
Fassen wir die Ergebnisse dieser Voruntersuchung zusammen:
Die Notwendigkeit der Kunstbelehrung in umfassenderem Masse als diese seither auf dem Gymnasium betrieben worden ist, gilt unter Verweisung auf die reiche Litteratur über diesen Gegenstand als bewiesene Voraussetzung.(Am trefflichsten und kürzesten spricht über diesen Punkt: Fischer, Progr. von Moers 1881, S. 5 ff.). Es handelt sich nur darum, die allge- meinen Vorbedingungen zu finden, mit deren Hilfe im Rahmen der bestehenden Lehrpläne und-pensen die allgemeine Einführung einer ausgedehnteren Kunstbelehrung möglich ist.
1) Unerlässlich für die Gewöhnung des Auges an ein scharfes Erfassen des ihm Ge- botenen ist ein durch alle Unterrichtsfächer, in denen dies möglich ist, von unten auf betriebener Anschauungsunterricht. Selbstverständlich sollen für die Sagengeschichte in den Unterklassen auch schon Anschauungsmittel, die der Kunst der Alten entnommen sind, dargeboten werden. Warum sollte man denn dem Sextaner bei der Erzählung der griechischen Götter- und Heroen- sagen die schönen Götterstatuen und-büsten vorenthalten, die auch seinem Auge schon Wohl- gefallen erregen und ihm zeigen wie der naive Sinn des Griechenvolks sich seine Götter vor- gestellt hat. An eine eigentliche Kunstbelehrung wird auf dieser Stufe niemand denken.
2) Wichtig für die Erweckung des Schönheitssinnes, das unzertrennbar von dem Gefühl für das Wahre und Gute im Menschen schlummert, ist die Unterstützung der sog. freien Künste: Des Turnens, Gesangs und Zeichnens, die durch eine lebendige Verbindung mit dem Leben und der Lehre der Schule aus ihrer Vereinzelung befreit werden müssen.
3) Die Idee eines gesonderten Kunstunterrichts ist aus inneren und äusseren Gründen zu verwerfen; sie verführt zu ausführlicher kunstgeschichtlicher Unterweisung und trennt innerlich Zusammengehöriges(Litteratur, Kunst, Volksleben); auch gefährdet sie die allgemeine Linführung der ausgedehnteren Kunstpflege, da sie entweder die dem übrigen Unterricht zu- gewiesene Zeit zu verkürzen oder die schon jetzt hohe Zahl der Lehrstunden noch zu vermehren sucht. Die Kunstlehre ist vielmehr mit dem Geschichtsunterricht(in Unter- und Obersekunda)
und der altsprachlichen Lektüre in den beiden Primen zu verbinden; dadurch ergibt sich auch die für die Schule notwendige Beschränkung des Stoffes von selbst.
4) Die Anschauungsmittel zerfallen in 3 Klassen:
a. Gipsmodelle.
b. grosse(70/57 cm etwa) Wandtafeln oder in fliegende Rahmen gefasste Photo- graphieen; beide Klassen aus Mitteln der Anstalten zu beschaffen.
c. Bildermappen, die von den Schülern zu kaufen sind; Mappen, in denen die Bilder lose liegen, sind den gebundenen Atlanten vorzuziehen; es ist wünschenswert, dass jedes Blatt nur ein Bild trägt.
d. der Besuch von Museen, wo diese am Orte oder in der Nühe sind, unter kundiger Führung tritt ergänzend zu dem Schulunterricht.
Sind Schule und Schüler in dieser Weise ausgerüstet, so kann die Kunstbelehrung auf Erfolg rechnen, wenn die vorhandenen Anschauungsmittel auch wirklich benutzt werden, und wenn das zerstreut im Unterricht Gewonnene durch Zusammenfassung und öftere Wiederholung befestigt wird. Da nun bei der Verteilung des Stoffs auf mehrere Klassen nicht anzunehmen ist, dass die ganze Kunstbelehrung von einem Lehrer durchgeführt wird, so muss zu jenem Zwecke ein ausgeführter Lehrplan vorliegen, damit der Nachfolger weiss, was er als bekannt voraussetzen darf, und was ihm zur Neubehandlung bleibt. Der Versuch zu einem solchen Plane bildet den zweiten Teil dieser Arbeit.
Die Betrachtung der alten Kunst beginnt mit der griechischen Architektur im An- schluss an den Geschichtsunterricht in Untersecunda. Auch seither haben wohl die meisten Lehrer dem Leitfaden folgend auf die Schöpfungen der griechischen Architektur Rücksicht genommen; allein Ausdehnung des Stoffes, Art und Weise des Unterrichts waren völlig der Willkür über- lassen. So kam es oft, dass ohne die erforderlichen Anschauungsmittel über Baustile und Bauwerke geredet wurde, bald mit Nennung weniger Namen und mit der kurzen Erwäühnung der Säulenordnungen diese ganze Aufgabe abgemacht wurde. Geriet der Lehrer mit seinem Stoff irgendwie ins Gedränge, so war das erste, woran gekürzt wurde, die Betrachtung der Kunst. Bei solchem Betriebe war auch die Scheu vor einer Wiederholung des durchgenommenen
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