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Soll nun Lektüre und Kunstlehre in inniger Wechselwirkung stehen, so darf die Erklärung speziell plastischer Meisterwerke nur mit solchen Schriftstellern verbunden werden, die wirklich geeignet sind, das Verständnis für die Kunst zu fördern; von griechischen Schriftstellern an Homer, die Tragixer, Thubkydides., von römischen an Horaeæ und Tacitus. Die soviel gelesene und für den Kunstunterricht für unentbehrlich gehaltene vierte Rede gegen den Verres entspricht nun ihrem Wesen nach bekanntlich dieser Anforderung nicht; daher halte ich es für verkehrt, wollte man sie gerade zu dem Zwecke der Kunstlehre in den Kanon der allljjährlich in Unterprima zu lesenden Litteraturwerke aufnehmen; wird sie aus anderen Gründen, etwa als Beweis für den sittlichen Verfall der römischen Nobilität zur Lektüre herangezogen, so mag sie immerhin als bequemes Mittel für kurze kunstgeschichtliche Repetition benutzt werden und dadurch selbst an Interesse gewinnen. Ich glaube auch, dass die Betonung der Lektüre dieser Rede von dem Gesichtspunkt vollkommener Trennung der Kunstunterweisung von der Lektüre geschehen ist, der seine Begründung in einem Brief von Schöll an R. Menge(abgedruckt in den N. Jahrb. für Philologie und Pädagogik 1877, S. 481 ff.) findet. Schöll führt aus, dass ein Verständnis der Kunstwerke auf dem Gymnasium noch nicht zu erreichen sei, da alle Vor- bedingungen, namentlich die geistige Reife fehlten, dass daher die Kunstlehre auf dieser Stufe im schlicht historischen Sinne bewirkt werden solle. Dieser Meinung würde jedermann zustimmen müssen, handelte es sich in der Schule um erschöpfende aesthetische Beurteilungen von Kunst- werken; denn dazu reicht weder die Reife der Schüler noch das Können der meisten Lehrer aus; beschränkt sich aber die Belehrung auf eine einfache Beschreibung der Bilder und eine Beleuchtung ihrer hauptsächlichsten Schönheiten zumal in Verbindung mit passenden Stellen aus der Litteratur, so dürfte denn doch dazu die Fassungsgabe der Schüler ebensogut genügen. als zum Verständnis der litterarischen Werke des Altertums, was noch niemand bezweifelt hat. Dass die Kunst- unterweisung im schlicht historischen Gewand geschehen solle, kann missverstanden werden: denn es wird doch schwerlich so gemeint sein, dass eine Kunstgeschichte mit allen möglichen Namen von Künstlern und Kunstwerken ohne jede Anschauung zum Lernen dargeboten werden soll; vielmehr kann ich mir, was die Plastik speziell anbelangt, die geschichtliche Darbietung nur als zusammenfassende Wiederholung des in der Lektüre zerstreut Behandelten denken, niemals aber als selbstständigen Unterricht.
Zu diesen inneren Gründen für die Verbindung der Kunstunterweisung mit Lektüre und Geschichte treten aber auch noch äussere hinzu. Die Lehrer, welche den getrennten Kunst- unterricht neben dem anderen eingeführt wissen wollen, schlagen die Zeit entweder durch Kürzung an dem übrigen Unterricht heraus oder durch Vermehrung der Stundenzahl überhaupt; das erste Auskunftsmittel ist nach der bedeutenden Verschiebung der Stundenzahlen zu Ungunsten des altsprachlichen und altgeschichtlichen Unterrichts nicht durchführbar; der zweite Weg ist noch bedenklicher; denn einer Vermehrung der Lehrstunden sind erfahrungsgemäss selbst die besten Schüler abgeneigt, sollte sie auch dem interessantesten Lehrgegenstand gelten, und das darf ihnen niemand verübeln. Von der Verkürzung der Erholungspausen schliesslich, um dadurch die nötige Zeit zu gewinnen, kann vollends nicht die Rede sein. So bliebe dann auch aus diesen Gründen nur der Weg übrig, die Kunstbelehrung zu einem integrierenden Bestandteile der Erläuterung des klassischen Schrifttums und des Volkslebens überhaupt zu erheben, wozu sie ihrem inneren Wesen nach vorzüglich geeignet ist.
Diese Verbindung erlegt nun auch der Unterweisung die für die Schule notwendige Be- schränkung auf. Mögen immer die Beziehungen der griechischen Kunst zu der des Orients nachgewiesen sein, sie dürfen nicht dazu reizen, eine ausführliche Besprechung der ägyptischen oder gar assyrischen Kunst vorausgehen zu lassen; dazu ist die verfügbare Zeit zu kurz und zu kostbar, zumal der griechische Geist die durch die orientalische Kunst empfangenen An- regungen völlig selbständig in einer Weise ausgebildet hat, die unserem Empfinden näher steht,
Man hat, namentlich was die Verbindung der Kunstlehre mit der Lektüre der homerischen Gedichte betrifft, eingewendet,(vgl. Bericht des G. Direktors Ostendorf in der 5. Direktorenkonferenz der Provinz Schleswig- Ilolstein 1892, S. 89 f.), dass durch Behandlung von plastischen Kunstwerken der attischen Blütezeit im Anschluss an die Ilias und Odyssee in dem Schäler falsche Vorstellungen erweckt würden. Allein wenn auch natürlich die homerische Zeit noch nicht zu solcher Ausdrucksfähigkeit in der Kunst gekommen war, wie sie aus den Werken der Blütezeit spricht, so sind diese doch nicht die Werke eines anderen Geistes; im Gegenteil! Die spätere Zeit hat erleuchtet von dem Geiste der homerischen Poesie den richtigen, ewig mustergiltigen Ausdruck gefunden, wie dies von vielen Kunstwerken ausdrücklich bezeugt ist.


