verführen. Der Lehrer im Gymnasium muss den Schüler nur anleiten,„sich von allem zu überzeugen, was er auf dem Bilde dargestellt findet, was als der reale Vorgang, als der sinn- füllige Inhalt anzusehen ist; wenn der Schüler sich die Einzelheiten des Werkes bewusst ge- macht hat und im Stande ist, alles Gesehene in freiem die Teile zu einem Ganzen ordnenden, schlichten Berichte darzustellen, dann hat die Schule genug gethan und die gehoffte Wirkung bleibt nie aus“.(H. Oeser: Wie kann die Schule die Freude am Schönen der bildenden Kunst pflegen? in der Ztschr.„Die Mädchenschule“ von Hessel u. Dörr. I.)
Doch ich will mich nicht in die Beurteilung dieser Streitschrift verlieren, die im Einzelnen, namentlich was die Verbesserung der Methode des Zeichenunterrichts betrifft, durch- aus richtig urteilt, und zu der Beantwortung der Frage zurückkehren, ob nicht auch inner- halb des Spielraums der neuen Lehrpläne eine grössere Fruchtbarmachung des Zeichenunter- richts möglich ist. Drei Umstände werden für die Unzulänglichkeit des Zeichenunterrichts angeführt: 1) dass mit der Tertia der pflichtige Unterricht aufhört; 2) dass eine Methode fehlt, die an den übrigen Unterricht anschliesst; 3) dass die meisten Zeichenlehrer nur im Stande sind, die Nachbildung des Schönen technisch zu lebhren, nicht aber es zu erläutern. Ich glaube, dass wie die Dinge jetzt liegen, nach Beseitigung der letzten Klage die zweite ganz verstummen, die erste an ihrer Schärfe verlieren wird. Es ist gewiss eine Lebensfrage für den Erfolg des Zeichenunterrichts, dass er von Lehrern erteilt wird, die auf Grund ab- gelegter Prüfungen beweisen, dass sie in ihrer künstlerischen, vor allem aber ihrer päda- gogischen Vorbildung auf der Stufe der übrigen akademischen Lehrer stehen, dass sie nicht einseitig Zeichenunterricht geben, sondern auch zu anderen Lehrstunden herangezogen werden, kurz als vollberechtigte Mitglieder des Lehrkörpers am Leben der Schule teilhaben. Diese Forderung ist nicht nur erfüllbar, sondern an vielen Anstalten Hessens bereits erfüllt. Ein solcher Lehrer wird auch einen Lehrgang entwerfen und durchführen können, der in zweck- entsprechender, dabei massvoller Weise auf den übrigen Unterricht Bezug nimmt(vgl. Lange a. a. O. S. 94 ff. Dr. 4. Matthäi, Progr, d. Gymn. zu Giessen 1890).
Mir liegt ein solcher jüngst ausgearbeiteter Plan vor, der allerdings bei der Kürze der Zeit, seit welcher er wirksam ist, ein abschliessendes Urteil über seinen Erfolg noch nicht zulässti. Empfindlich wird der Erfolg selbst der angestrengtesten Lehrthätigkeit beeinträchtigt durch die Umwandlung des pflichtigen Zeichenunterrichts in fakultativen von der Sekunda ab und durch die Beschränkung auf eine Stunde in Tertia. Hier liegt allerdings die Gefahr nahe, dass, selbst wenn dem Unterricht auf der unteren und mittleren Stufe das grösste Interesse entgegengebracht worden ist, ein grosser Teil der Schüler häufig aus rein äusserlichen Gründen sich zurückzieht. Wenn durch die Bemühungen des Zeichenlehrers mit der Zeit eine gute Tradition geschaffen und durch die Benutzung der Resultate der Zeichenlehre im übrigen Unterricht eine innigere Verbindung hergestellt ist, so kann wenigstens der Bruchteil derer erhöht werden, die auch in den Oberklassen der Fahne treu bleiben.
Wie die Unterweisung in der Kunst der Alten zum Verständnis der Formen sich an den Anschauungsunterricht und an die sog. freien Künste anlehnt, so erschliesst die Verbindung mit den Meisterwerken der antiken Litteratur und mit der Geschichte der klassischen Völker ihren geistigen Gehalt. Daher erscheint mir der an manchen Orten gemachte Versuch, eine von jedem übrigen Unterricht getrennte Kunstlehre einzuführen, schon aus diesem Grunde verfehlt. Litteratur und Kunst eines Volkes sind die Ausdrücke eines und desselben Geistes, die als solche im Unterricht nur schwer von einander getrennt werden können; eines wird durch das andere verstanden, und selbst der begeistertste Lehrer wird kein so trefflicher Interpret des Dichters und Schriftstellers oder selbst der ganzen Geistesrichtung eines Volkes sein, wie der demselben Volke und derselben Zeit angehörige Künstler und umgekehrt.
1 Der von R. Hölscher für das Neue Gymnasium in Darmstadt verfasste Plan sucht in den Unterklassen eine direkte Bezichung namentlich zu den naturwissenschaftlichen Fächern, besonders zur Botanik; er arbeitet der Geometrie, von Quarta ab auch der Stereometrie vor und durch die Übung des Auges im Erfassen des Räum- lichen überhaupt allen Lehrfächern, die sich bildlicher Darstellungen zum Anschauungsunterricht bedienen; von Obertertia an sucht der Zeichenunterricht Verbindung mit den historischen Lehrfächern durch Anwendung des früher Gelernten am Zeichnen nach monumentalen Reliefs, Naturgegenständen und plastischen Nachbildungen von Gebäuden. Der Stoff für den facultativen Unterricht in den 4 Oberklassen ist nach kunstgeschichtlichen Gesichtspunkten aufgestellt, wobei die besondere Berücksichtigung des klassischen Altertums im Interesse des Gymnasialunterrichts geboten ist. Der ganze Lehrstoff des Zeichenunterrichts zerfällt in 2 Hauptgruppen, von denen die erste die Flächenfigur, die zweite die verkürzte Fläche und den Körper behandelt.


