Aufsatz 
Die Pflege der alten Kunst auf dem Gymnasium
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14 heilsame Wirkung gegenseitig. Schon mancher Lehrer wird auf Spaziergängen schmerzlich vermisst haben, dass die Schüler neben der Weise auch den Text des Liedes auswendig wissen; ein recht schlechter Notbehelf ist es, wenn man dabei eine Sammlung von Liedern mitführen lässt; denn es gewährt gerade keinen erfreulichen Anblick, eine durch den Wald wandernde Klasse auch da mit der Nase im Buch schauen zu müssen. Der Gesanglehrer müsste eben einen Vorrat schöner Lieder auswendig lernen lassen und dadurch zum Lebensgut der Schüler machen. Dabei würde Erklärung und Memorieren zu einer für die Gesangsstunde wünschens- werten Zusammenfassung der Schüler führen, die sich in disciplinärer Hinsicht fühlbar erwiese.

Am meisten ist es aber zu verwundern, dass in der mir zugänglich gewesenen Littera- tur über Kunstpflege auf dem Gymnasium mit wenigen Ausnahmen ein so geringer Wert auf die Hebung des Zeichenunterrichts gelegt wird trotz seiner allgemein anerkannten Wichtigkeit. Es heisst, dass unter den obwaltenden Umständen eine Besserung in absehbarer Zeit ausgeschlossen erscheine. Zu solcher Resignation liegt meines Erachtens kein Grund vor. Gewiss wird nie- mals im Gymnasium der Zeichenunterricht die Stelle und den Raum einnehmen dürfen, den C. Lange in seiner Streitschrift(Die künstlerische Erziehung im Gymnasium, Darmstadt 1893) ihm anweisen möchte: denn die geistige und sittliche Ausbildung der Schüler an der Hand der klassischen Litteratur wird immer die Hauptsache bleiben müssen, während die künst- lerische Erziehung nur ergänzend mitwirken kann. Ein Zeichen- und Kunstunterricht aber mit so hohen Zielen, wie Lange sie steckt, wird neben dem bereits vorhandenen Lehrstoff nur auf Kosten der Gründlichkeit oder der Gesundheit der Schüler durchzuführen sein. Denn nehmen wir selbst an, dass die Einführung der Pflichtigkeit des Zeichenunterrichts durch alle Klassen des Gymnasiums unbeschadet der anderen Lehrfächer möglich ist, eine Annahme deren Richtigkeit bis jetzt noch vielfach bezweifelt wird, wie soll denn mit zwei wöchentlichen Stunden(s. S. 101) die durch Pflege des aesthetischen Kunstunterrichts erweiterte Zeichenlehre ihre umfangreiche Aufgabe erfüllen? Es gehört nach Lange zurGenussfähigkeit am künst- lerisch Schönen, wie sie dem Gymnasiasten ins Leben mitgegeben werden soll, abgesehen von der Kenntnis der Perspektive ein Einblick in die Technik der Bildhauerei und der verschiedenen Arten von Malerei, damit sich der Betrachter des Kunstwerks in dieIntention des Künstlers versetzen könne; erst dann könne der Schüler wirklich beurteilen, was künstlerisch schön ist. Niemand wird nun bezweifeln, dass wer mit solchen Vorkenntnissen ausgerüstet an die Be- trachtung von Kunstwerken herangeht, einen subjektiv höheren Genuss haben kann als der gebildete Laie, aber dem letzteren Verständnis und Genuss des Schönen absprechen zu wollen, das hiesse doch der Kunst ihre veredelnde Wirkung auf die Allgemeinheit rauben; das wirklich Schöne in der Kunst wirkt auf jeden durch die Erziehung für alles Edle empfänglich ge- machten Menschen so gut wie in der Poesie durch sich selbst. Allerdings wenn die Freude an einem Kunstwerk und damit sein Wert weniger durch die Schönheit als durch die künst- lerische Technik und Charakteristik bedingt ist, dann hat Lange recht. Dass charakteristische und schöne Darstellung Hand in Hand gehen muss, um ein wirkliches Kunstwerk zu erzeugen, ist keine neue Weisheit, aber wohin man kommt, wenn die Forderung der Schönheit vor der Charakteristik vernachlässigt oder gar verächtlich zurückgewiesen wird, das kann zum Teil die von Lange so gerühmtemoderne Kunst und Kunstanschauung lehren. Und wenn Lange gar sein Lob von der Wichtigkeit künstlerischer Charakteristik psychologisch zu begründen sucht mit demRealisten von Kindsbeinen an, der lieber zu Meggendorfer als zu Thumann und Pletsch greift, so schiesst diese Begründung ebenso weit über das Ziel hinaus, wie die von dem Künstler in den Windeln. Auch ich glaube, dass kein Mensch von Natur die Gabe der zeichnerischen Nachbildung völlig entbehrt, aber die Erziehung dafür verantwortlich zu machen, wenn nicht aus allen Gymnasiasten Künstler werden, und die Forderung aufzustellen, dass die künstlerische Ausbildung bis in solche Einzelheiten schon im Gymnasium besorgt wird, das entspringt denn doch einer bedenklichen UÜberschätzung des Durchschnittsmasses künstlerischer Veranlagung im Menschen. Daher halte ich das Ziel, das Lange dem Zeichen- und Kunstunterricht in dem Gymnasium steckt, nicht nur für viel zu hoch, sondern es scheint mir auch, als ob die Gründe, welche er für die Notwendigkeit der Erreichung dieses Zieles angibt, auf einer allzu hohen Meinung von der natürlichen Kunstbeanlagung des Menschen und einer übertriebenen Wertschätzung des Charakteristischen in der Kunst beruhen. Drum weg mit der Farbenlehre und dem Studium der künstlerischen Technik auf der Stufe des Gymnasiums, Dinge, die nicht zum edlen Genuss, sondern zur vorzeitigen Kritik in der Kunst