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Sauberkeit entwickelt, so fällt der Schulaufsicht die erste, gewiss nicht geringste Sorge zu, das Auge des Schülers zum Guten zu gewöhnen: Sauberkeit auf Gängen, Treppen und in den Schulzimmern zu erhalten, soweit es an ihnen liegt, muss den Schülern zur anderen Natur werden, nicht minder Ordnung und Reinlichkeit in Büchern, Heften und im Anzug. Nicht unrichtig, aber undurchführbar ist die Forderung, dem Inneren der Schulräume durch freund- lichen Schmuck seine Kahlheit und Nüchternheit zu nehmen, die gewiss auf den Schüler eine erkäültende Wirkung ausüben, wenn er sie mit den wohnlichen Räumen seines Elternhauses vergleicht. Unter solchem Schmuck sind wohl Statuen, Büsten, Gemälde, Photographieen ver- standen, deren Anschaffung, wenn sie wirklichen Wert haben sollen, Ausgaben verursacht, welche die vorhandenen Mittel weit übersteigen. Ahnlich verhält es sich mit der Forderung. dass das Schulhaus ein architektonisch geschmückter Bau sei. Wenn man ausserdem die Pflege von Schulfestlichkeiten, an denen sich die Schüler mit ganzer Seele beteiligen können, als ausserordentlich förderlich bezeichnet hat, um jene Heiterkeit des Gemüts zu erhöhen, durch welche die Empfänglichkeit für alles Schöne bedingt ist, so liegt dieser Anschauung der durchaus richtige Gedanke zu Grunde, dass durch freundlichen Verkehr der Schüler mit ihren Lehrern ausserhalb der Schulzeit der Zwang, den die straffe Gewöhnung innerhalb der- selben nun einmal verlangt, gemildert wird, und die geistige Aufnahmsfähigkeit der Schüler durch das erhöhte Zutrauen zu ihrem Lehrer gewinnt. Die Schulfestlichkeiten aber von diesem Gesichtspunkte aus zu häufen, würde zur geistigen Zerstreuung führen, die mehr schadet, als die frohen Feste nützen können.
Weit wirksamer ist ein von unten an in allen Lehrgegenständen, die dies gestatten, ausgiebig betriebener Anschauungsunterricht; indessen halte ich es nicht für nötig, in dieser Richtung besondere Forderungen aufzustellen, da sowohl der geschichtliche als der geographische, auch der naturwissenschaftliche Unterricht bereits allen billigen Ansprüchen gerecht werden. Nur eins möchte ich betonen: Das zweite Jahr der Cäsarlektüre(III O), könnte meines Er- achtens, nachdem in der III U. mehr die sprachliche Seite betont worden ist, sei es im An- schluss an Ohlers Bilderatlas zu Cäsars Büchern d. bello g., oder an die Ausgabe von Reinhard als ihre Hauptaufgabe die Einführung in das Kriegswesen der Römer betrachten; es würde dadurch in oberen Klassen, namentlich in Obersekunda, viel Zeit gespart, und was wichtiger ist, das Auge des Schülers würde auch auf dieser Stufe, wo erfahrungsgemäss viel von der in den Unterklassen erlangten Sehfähigkeit verloren geht, nicht ausser Ubung kommen.
Besondere Aufmerksamkeit aber wird die höhere Schule den Lehrgegenständen auch in der Zukunft noch widmen müssen, die ihrem Wesen nach am ersten im Stande wären, den Schönheitssinn zu wecken und zu pflegen, die aber noch nicht die Stelle einnehmen, die ihnen gebührt: dem Turn-, Musik- und Zeichenunterricht.
Zweifellos wird der Turnunterricht in seinem Einfluss gerade auf die Bildung des Schönheitsgefühls noch unterschätzt, obwohl doch das Beispiel und der Erfolg der alten Griechen gerade in dieser Richtung von den Kennern des klassischen Altertums von jeher gepriesen worden ist. Allerdings hat dazu die eigentümliche historische Entwicklung, die der Turn- unterricht gerade in Deutschland genommen, sodass er erst jüngst zum pflichtigen Lehrgegen- stand geworden ist, viel beigetragen. In Folge davon fehlt es noch zur Zeit, ausgenommen in grösseren Städten, vielfach an den nötigen Vorbedingungen zur Erteilung eines guten Turn- unterrichts, an brauchbaren Turnhallen und an einer genügenden Anzahl durch Interesse und Ausbildung geeigneter Lehrer. Wo jedoch diese Vorbedingungen erfüllt sind, da zeigt der Erfolg, einen wie grossen Einfluss das Turnen auch auf die Entwicklung des Sinnes für schöne Form und schöne Bewegung besitzt. Hier kann und wird bei dem Interesse, das von allen Seiten der Turnsache entgegenkommt, die Zeit wünschenswerte Vervollkommnung bringen.
Khnlich wie mit dem Turnen verhält es sich mit dem Gesang- und Musikunterricht. Man ist von jeher gewöhnt, ihn als ausserhalb jeder Beziehung und jedes Einflusses auf den übrigen Schulunterricht zu betrachten. Das hat einen doppelten Nachteil. Es wird dadurch dem Gesanglehrer seine in disciplinärer Hinsicht an und für sich schwierige Aufgabe noch mehr erschwert; schlimmer ist, dass der Gesangunterricht zu wenig in concentrierende Ver- bindung mit dem übrigen Leben der Schule gebracht wird. Ich will von dem geistlichen Lied und dem Religionsunterricht nicht sprechen, bei dem wegen der Verschiedenheit der Bekennt- nisse ein Zusammenwirken unmöglich ist; allein der Turnunterricht und die Schulausflüge können durch eine richtig geleitete Gesangslehre ausserordentlich gewinnen. Dabei ist die


