Aufsatz 
Die Pflege der alten Kunst auf dem Gymnasium
Entstehung
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worden ist. Die Verbesserungen, die auf dem Gebiet der Gymnasialpädagogik jetzt allenthalben durchgeführt werden, haben für die Behandlung der altsprachlichen Lektüre einen tiefgreifenden Umschwung herbeigeführt; nicht dass das letzte Ziel verrückt worden würe, nur die Mittel zur Erreichung desselben sind zum Teil unter dem Druck der starken Anfechtungen, die der Lehrbetrieb im Gymnasium von aussen erfuhr, geändert worden. An Stelle der früher mehr betonten formalsprachlichen Schulung ist ein tieferes Eindringen in den Inhalt der Werke ge- treten, die in den alten Sprachen abgefasst sind. Doch nicht das allein. Jene Anfechtungen von aussen, die sich übrigens häufig gegen das Ziel des Gymnasialunterrichts überhaupt rich- teten und in dem fehlerhaften Bestreben begründet waren und wohl noch sind, die höhere Jugendbildung allzusehr in den Dienst des späteren praktischen Bedürfnisses zu stellen, haben noch eine andere für unser Gymnasium erfreuliche Frucht gezeitigt. Wie man bestrebt war, die gefährdete Hochburg der klassischen Bildung durch zeitgemässe Verbesserungen veralteter Werke von neuem zu festigen, so trieb die Gefahr auch dazu, die seither weniger beachteten starken Seiten derselben zu erforschen und zu benutzen. So verdankt denn auch die in weiten Kreisen der Freunde und Vertreter humanistischer Bildung bemerkbare Bewegung zu Gunsten der Kunstpflege dem Gefühl der Selbsterhaltung ihre Entstehung. Es wäre auch ein schwerer Fehler, wollte man glauben, dass die Angriffe gegen das humanistische Gymnasium nun auf- hören werden; in vielen Kreisen wird vielmehr die Reform als Rückzug betrachtet. Daher gilt es zu zeigen, dass die getroffenen Veränderungen nur eine straffere Zusammenfassung und eine bessere Entfaltung der Kraft bedeuten, die der Idee der humanistischen Bildung inne- wohnt. Freilich will mich bedünken, als ob es hier wie anderwärts bei reformatorischen Be- strebungen gehen sollte, dass man von einem in das andere Extrem verfällt; denn schon lässt sich die Befürchtung nicht unterdrücken, dass in Mittel- und Unterklassen namentlich bei Lektüre und UÜbersetzungsbuch die sprachliche Schulung dem Inhalt allzusehr untergeordnet wird, so zwar, dass in Oberklassen das Verständnis der Klassiker an der sprachlichen Un- kenntnis scheitert.

Ein grosser Teil der über unseren Gegenstand veröffentlichten Aufsätze erschöpft sich in allgemeinen Gründen für die Trefflichkeit eines ausgedehnteren Kunstunterrichts auf dem Gymnasium. Es ist nicht meine Absicht diese Gründe hier von neuem aufzuzählen, ich will vielmehr nach Mitteln und Wegen ausschauen, die zu einer allgemeinen Einführung des Unter- richts leiten. Daher tritt die nachfolgende Arbeit nicht mit der Prätension vor die Offentlich- keit, neue, zwingende Gründe für die Notwendigkeit einer liebevollen Behandlung der Kunst gefunden zu haben, sondern sie will lediglich praktische Vorschläge der Prüfung der Kol- legen unterbreiten, durch welche nach meiner Meinung die Durchführung im Rahmen der giltigen Lehrpläne erleichtert wird. Zwar enthalten mehrere der von mir oben angeführten Aufsätze und Berichterstattungen auch schon Versuche in dieser Richtung; allein sie nehmen meist auf eine allzu umfangreiche Gestaltung des Stoffes Bedacht, der womöglich in besonderen, dem Kunstunterricht zu widmenden Lehrstunden zu bewältigen sei: damit wird jedoch nur das erreicht werden, dass die Kunstpflege in dem reich bestellten Garten der Lehrpläne sich nicht einbürgern kann, sondern nach missglückten Anbauversuchen wieder verkümmert. Dem gegen- über scheint mir zunächst für eine erfolgreiche Einführung der Kunstlehre erforderlich zu sein:

1) Eine ausgiebige Vorbereitung für den Unterricht in der Kunst bereits in den unteren und mittleren Klassen, durch die das Auge des Schülers geschärft wird,sehen lernt;

2) Ein enger Anschluss des Unterrichts in den Oberklassen an verwandte Lehr- gegenstände;

3) Möglichste Beschränkung des zu bietenden Stoffs;

4) Beschaffung und richtige Benutzung eines reichlichen, zweckentsprechenden An- schauungsmaterials.

Nach Erledigung dieser mehr allgemeinen Vorfragen will ich es versuchen, den Stoff. auf die Klassen von Untersekunda ab aufwärts zu verteilen, ohne mit dieser Auswahl im Einzelnen den verschiedenartigen Wünschen der Kollegen vorzugreifen.

Mit Recht ist von vielen Seiten(vgl. Fischer, Progr. v. 1881, S. 4 ff. Grenzboten IV., 1892, S. 226 u. f.) darauf aufmerksam gemacht worden, dass bei den älteren Gymnasialschülern die Gabe der Anschauung und der Sinn für das Schöne so wenig entwickelt sei. Die Schule wird den Vorwurf nicht von sich abwälzen können, dass von ihr in dieser Hinsicht zu wenig geschehen ist. Nehmen wir an, dass der Sinn für das Schöne sich aus dem für Ordnung und