Aufsatz 
Vier Wochen in London zum Ferienkursus 1906
Entstehung
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Angelegenheit. Es gibt keine Vorschriften über durchzunehmende Pensen, keine Revision, keine Konferenzen über Ziele und Methode des Unterrichts in diesem oder jenem Lehr- fach, wie uns einer der Herren auf unsere Frage, im Vollgefühl seiner Freiheit, glück- strahlend und stolz erklärte. Am Schlusse des Jahres findet eine Art Prüfung statt, die über die Versetzung in die folgende Klasse entscheidet. Allerdings ist die Aufgabe der Schulen und ihre Einrichtung ganz anders als bei uns. Was in Deutschland immer noch zu wenig für die körperliche Entwickelung der Schüler im Gegensatz zu ihrer geistigen Ausbildung geschieht, geschieht umgekehrt in England vielleicht zu viel. Die Gebäude sind prächtig und liegen meist abseits von den Strassen, so daß ringsum- eine Ruhe herrscht, um die man Lehrer und Schüler beneiden könnte, wenn man an den Straßenlärm denkt, der bei uns den Unterricht so häufig stört. Weitläufige Spiel- plätze gehören dazu, und man konnte sehen, wie sehr die Pflege der Spiele auf dem kurzgeschorenen Rasen allen am Herzen lag. Aber im Innern lassen die Schulräume, so- weit wir sie gesehen haben, oft zu wünschen übrig im Hinblick auf Einrichtung und Aus- stattung, Beleuchtung und Raumverhältnisse. Tische und Bänke waren vielfach altmodisch und zerschnitzt. Die Namen berühmter Männer, wie Byrons, Peels u. a., und vieler Hun- derte von Unbekannten, die einst in diesen Räumen saßen, prangen in großen Buchstaben am Wandgetäfel, auf Fensterscheiben, auf den Tischen und Bänken. Jene werden natür- lich z. T. wie Heiligtümer bewahrt und mit Stolz den Besuchern gezeigt. Alle diese höheren Schulen, sowie die alten Universitäten sind Boarding Schools, d. h. die Schüler werden dort nicht nur unterrichtet, sondern wohnen auch darin. Jeder hat eine Stube für sich, viele haben sogar zwei Räume: Wohn- und Schlafstube. Die Zimmer der Stu- denten in Cambridge und Oxford haben außen keine Klinken an den Türen und lassen sich also gegen den Willen des Bewohners nur mit Gewalt öffnen. Vielleicht ist auch dies ein Beispiel für das bekannteMy home is my castle. Wir hatten Gelegenheit, einige dieser Zimmer zu sehen: sie sind luftig, hoch und hell, und jeder richtet sich darin nach seinem Geschmack und nach seinen Mitteln ein. Manches erinnerte mich dabei an das Landeserziehungsheim auf dem Bieberstein bei Fulda. Eine gute Seite der englischen Schule und eine Folge ihrer Pflege der Spiele möchte ich hier nicht unerwähnt lassen, weil sie manche Schattenseite aufwiegt. Es werden die Knaben nicht nur zu gesunden kräftigen Menschen erzogen, sondern auch zu echten und tüchtigen Männern herangebildet, dafair play, ehrliches Spiel, stets die höchste Forderung ist. Schwimmen und Rudern, Fußball und Cricket u. s. w., alles wird ferner nicht zum Ruhme des Einzelnen, sondern zur Ehre der Schule zunächst so emsig betrieben. Und in den Kapellen der Anstalten finden wir oft lange Verzeichnisse von Namen ehemaliger Schüler, die ihr Leben für ihr Vater- land im Kriege geopfert haben. Auch das ist Erziehung. Wir mögen uns denken, daß der Engländer sein Leben lang seiner Schule ein treues Andenken wahrt. Freilich nur Reichen stehen diese Anstalten offen, da das Kostgeld und Schulgeld selten unter, meist über 3000 Mark beträgt. Doch bestehen vielfach, besonders an den Universi- täten, Freistellen(fellowships), die es auch Unbemittelten ermöglichen zu studieren. Es sind dies gewöhnlich Stiftungen ehemaliger Schüler, oder sie beruhen auf frommen Zu- wendungen aus früherer Zeit..