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Den musikalisch beanlagten Teilnehmern war endlich sogar die Möglichkeit gegeben zu singen und zu üben in den Chorklassen, die von Herrn Clarke geleitet wurden. Und sie erfreuten uns durch ein hübsches Konzert am Schlusse des Ferienkurses.—
Solch reiche Abwechselung wurde den Teilnehmern geboten, es war oft unmöglich alles zu genießen. Wohin immer wir kamen, wurden wir herzlich bewillkommnet. Des- halb wird auch der Londoner Ferienkursus 1906 in dankbarer Erinnerung bei allen seinen Mitgliedern bleiben.—
Der längere Aufenthalt in London bot uns endlich die Gelegenheit, ein englisches Haus, das Familienleben, die Nahrungsmittel und Lebensweise, die Einteilung der Tages- arbeit, manche Sitten und Gebräuche kennen zu lernen, das Hasten und Treiben in den Verkehrsadern der Stadt zu betrachten, die Ausdehnung des Handels und Gewerbes zu bewundern, den auf das Praktische gerichteten Sinn der Bewohner, die durch die Verhältnisse bedingte Erziehung zur Selbständigkeit, anzuerkennen. Gar manches, was uns anfangs sonderbar erschien, lernten wir im Laufe der Wochen schätzen. Bei den gewaltigen Entfernungen und dem ungeheuren Verkehr der Siebenmillionenstadt müssen natürlich alle möglichen Beförderungsmittel vorhanden sein. In den belebten Straßen dröhnt es trotz dem Holzpflaster von der Unzahl von Wagen aller Art. Da fahren Droschken, vier- und zweirädrige, Omnibuse, Roll- und Kohlenwagen, die am roten Anstrich kennt- liche Post, Automobile, Motorwagen, Landauer und sonstige Fuhrwerke verschiedenster Form, in drei und fünf Reihen neben einander. Dazwischen hindurch winden sich Zwei- und Dreiräder, Motorräder und Karren. Es ist oft schier unglaublich, daß es bei dieser Unmenge von Fuhrwerken fast niemals zu Wirrnissen kommt. Mitten in der Kreuzung der verkehrreichsten Straßen stehen Schutzleute und bringen durch bloßes Erheben des Armes all dies Gedränge zum Stillstand, um es den Fußgängern zu ermöglichen, die andere Seite der Straße zu erreichen. Und dicht neben solchen unruhigen Verkehrswegen liegen wieder stille Straßen, die selten ein Wagen kreuzt, worin man den Gesang des Lavendel- verkäufers hören konnte. Der gewaltige Verkehr erlaubt im Inneren Londons die Anlage von Straßenbahnen nicht. Es liegen deshalb hier die elektrischen Bahnen unter der Erde. Sie bilden einen großen Kreis um die innere Stadt, durchqueren sie von Norden nach Süden und von Osten nach Westen unterirdisch, und zweigen dann nach den Vorstädten ab. Auf manchen Strecken gehen an Wochentagen über 800 Züge täglich. Allerdings strömt auch jeden Morgen etwa eine Million Menschen in die Stadt zur Arbeit und flutet abends wieder nach den Vororten zurück. Man wundert sich, wie die kleinen Bahnhöfe den Riesenver- kehr bewältigen.— Rhnlich rege ist das Treiben auf der Themse. Fortwährend fahren Personendampfer auf und ab, ziehen Lastschiffe, von der Flut getragen, den Fluß hinauf, während andere kurz danach von der Ebbe hinabgetrieben werden. Dazwischen eilen Motorboote, streichen Kähne hin und her.— Wer ein Bild von dem Hasten und Treiben auf den Straßen Londons haben will, muß den Platz vor dem Mansion House gegen 4 Uhr, oder die London Bridge gegen 6 Uhr aufsuchen. Es spottet aller Beschreibung. Vom Ver- deck eines Omnibus läßt es sich bequem beobachten. Welcher Unterschied am Sonntag! Die City ist wie ausgestorben. Kaum hundert Leute begegnen uns. Dafür herrscht dann
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