Aufsatz 
Vier Wochen in London zum Ferienkursus 1906
Entstehung
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Um die Teilnehmer zu veranlassen, nicht nur Englisch sprechen zu hören, sonderm es auch selbst zu üben, war es ihnen untersagt, sich in ihrer Muttersprache zu unterhalten; von Morgen bis Abend sollte ausschließlich Englisch gesprochen werden. Es war diese Anordnung namentlich wegen der großen Zahl Deutscher notwendig. Und so radebrechte man denn darauflos, bis mit dem nõtigen Mute und der täglichen Ubung auch die wün- schenswerte Fertigkeit gewonnen ward und man aufhörte seine Sätze erst deutsch zu den- ken und dann ins Englische zu übersetzen. Vorteilhaft wäre es jedenfalls auch, wenn man während des Ferienkurses nur englische Briefe schriebe; aber es ist in vielen Fällen wohl unmöglich. Wenn man Wochen lang nur die Fremdsprache hört und anwendet, wird es manchem vorkommen, daß er unwillkürlich seine Gedanken in dieser und nicht in der Muttersprache niederschreibt. Die Angehörigen verstehen indes nicht alle englisch und haben doch ein Recht auf öftere Nachricht.

Es waren uns noch durch den Kursus zwei Gelegenheiten geboten, uns in der frem- den Sprache zu üben: die Lese- und Unterhaltungsklassen. Die 200 Teilnehmer waren auf acht Lese- und sechzehn Unterhaltungsklassen verteilt. Welcher Gesichtspunkt bei dieser Verteilung obwaltete, habe ich nicht erkennen können. Die größere oder geringere Fertigkeit im Lesen oder Sprechen war es jedenfalls nicht, denn in unserer Abteilung, und wie ich hörte, auch in den übrigen, waren fast alle Stufen der Vollkommenheit und Unvollkommenheit vertreten. Und es war doch am ersten Tage die Aussprache aller Teil- nehmer besonders geprüft worden.

Die acht Leseklassen hatten wöchentlich acht Stunden. Da die beiden Herren Fuhrken und Macdonald gleichzeitig je eine Klasse vornahmen, entfielen auf jede der acht Abteilungen zwei Stunden wöchentlich: Dienstag und Donnerstag, oder Mittwoch und Frei- tag. Meiner Ansicht nach waren die Teilnehmer nicht nur zu ungleich in ihren Kennt- nissen, sondern es waren auch zu viele in einer Klasse vereinigt. Trotz aller Mühe, die sich die Leiter gaben, war es ihnen gar nicht möglich, die Aussprache aller wirklich zu verbessern, da sie dem Einzelnen nicht so viel Zeit widmen konnten und ihn höchstens zweimal in der Woche lesen hörten. Sie waren kaum imstande sich die Namen und Gesichts- züge der etwa 25 Mitglieder zu merken, zumal ein Teil davon nach 14 Tagen wegging und neue hinzukamen. Man hatte als Lektüre einige Kapitel aus Dickens' Martin Chuzz- lewitt gewählt(2. 3. 5. 8. 9. 15. 19. 25). Der Stoff an sich war ja gewiß lehrreich und fesselnd. Aber es wäre doch vielleicht besser gewesen, wenn man tadelloses Englisch vorgelegt hätte, anstatt dieses Stückes, worin so vielfach ungebildete Leute nach ihrer Weise sprechen. Immerhin haben wohl alle Teilnehmer trotz dieser erschwerenden Um- stände gar manche Belehrung mitgenommen und erkennen dankbar die Mühe an, die sich die beiden Herren mit ihnen gegeben haben.

Die Unterhaltungsklassen waren in vieler Hinsicht besser eingerichtet. Jede der 16 Abteilungen hatte täglich, außer Sonnabend, eine halbe Stunde, und es waren darin nur ungefähr 10 Damen und Herren vereinigt. Die Leiterinnen der Klassen, beide Fräu- lein Partington und Fräulein Pechey, sowie die Herren Brigstocke, Fuhrken und Macdo- nald verstanden es, alle Mitglieder zum Sprechen zu bringen und zu verhindern, daß etwa.